Borniertheit als Form des Widerstands

Peter Moeschls Analyse der „inhumanen Selbstverwertung“ durch den Kapitalismus.

Darf es heute noch Denker geben, die die Borniertheit loben? Natürlich darf es sie nicht geben, aber es gibt sie trotzdem. Peter Moeschl ist so einer. Die besondere Kraft der österreichischen Borniertheit liegt in der Beschränkung der kapitalistischen Zumutungen, in „der renitenten Unverfügbarkeit für jene inhumane Selbstverwertung“, schreibt er.

Diese ist auch wirklich das zentrale Thema in Moeschls Sammelband, auch wenn der Titel anderes suggeriert. Vieles ist wirklich gut, weil es ineffizient ist, behauptet der Autor und preist ungeniert das Verhindern als „List der österreichischen Unvernunft“. Er lobt sogar die gegenseitige Blockadepolitik von SPÖ und ÖVP, deren Haupteigenschaften Neid und Gier sich eben bei dieser Übung neutralisieren. Die heimische Gemütlichkeit sei demnach ein produktiver Störfaktor unverwerteter Residuen.

Einer der besten Artikel im Sammelband ist jener zum „Mythos Effizienz“. Überzeugend versteht es Moeschl, die grundlegende Differenz zwischen Effektivität und Effizienz zu zeigen. Geht es bei Ersterer um ein solides Resultat, so bei Letzterer um Kosten und Gewinne. „Die aus der Privatwirtschaft stammenden Effizienzvorstellungen sind also keineswegs unmotiviert und sachlich neutral, sondern von optimalen monetären Verwertungsvorstellungen inspiriert.“

Gerade die Effizienz sei es, die nicht selten die Effektivität von Produkten und Leistungen leiden lässt, um Profite zu maximieren. „Nicht für das konkrete Ergebnis, für die Bewertung arbeiten wir“, heißt es an anderer Stelle. Moeschl wendet sich auch gegen diese Kapitalisierung der Sprache, insbesondere die ausufernde Kapital-Metaphorik, die heutzutage bedenkenlos, aber zielsicher von Bildungskapital, Humankapital oder Sozialkapital spricht, so als sei es ganz selbstverständlich, „die eigenen Lebensaktivitäten nur mehr rückbezüglich unter dem Aspekt ihrer Vermarktung zu gebrauchen“.


Dynamik, die Wachstum braucht

Vermögen respektive Reichtum seien nicht mit Kapital zu identifizieren, dieses ist – und darauf verweist der Autor geradezu redundant – als „sich verwertender Wert“ zu definieren. Er spricht von einer Dynamik, die stets auf Wachstum angewiesen sei, koste es, was es wolle. „Wären da nicht die vielen unordentlichen Ordnungen der preislosen Welt jener einer ordentlichen Unordnung des Geldes vorzuziehen?“, fragt er.

Skeptisch beäugt er indes die aktuellen Protestbewegungen: „Man gefällt sich heute in seinen ästhetischen und moralischen Inszenierungen, hinter denen die politischen Inhalte mehr und mehr verschwinden.“ Aber auch die Identität einer Arbeiterklasse sei keineswegs systemtransformierend, im Gegenteil. Es ginge darum, den „Sprung aus der eigenen, immer schon zugewiesenen Identität zu wagen. Bei jedem ernsthaften Umgestaltungswillen hat also Identitätsbewahrung nichts verloren, auch nicht die von den Opfern des Systems.“ Moeschl plädiert für „kognitive Distanz“, die eigene Seinsweise führe nur dazu, „systemkonform zu operieren“.

Peter Moeschl analysiert auf oft überraschende Weise, vieles kommt anders als erwartet, und das ist gut so. Seine Sprache ist unaufdringlich, aber präzis, oft sehr bedächtig und abwägend, aber doch nicht zurückhaltend im Urteil. ■

Peter Moeschl

Privatisierte Demokratie

Zur Umkodierung des Politischen. 128S., brosch., €15 (Turia + Kant Verlag, Wien)