Lieb? Das ist sie nicht. Schauspielerin Gerti Drassl (30) übt sich in „Salome Pockerl“. Ab 21.Mai steht sie als rothaarige Gänsemagd im „Talisman“ auf der Josefstadt-Bühne.
Nett, was für ein doofes Wort!“ Die Südtirolerin Gerti Drassl (30), die schon viele Rollen am Theater und im Film gespielt hat, ist leicht empört über diese Etikettierung der Salome Pockerl aus Nestroys „Talisman“. Der Habenichts Titus Feuerfuchs und die Gänsemagd haben etwas gemeinsam, was sie vom Rest der Biedermeier-Welt trennt: rote Haare. Am Ende kommen die beiden Außenseiter zusammen. Drassl schüttelt ihre lange blonde Mähne und spricht für die Fotografin den Auftrittsmonolog der Salome in den leeren Zuschauerraum.
Was ist das für ein Mensch, die Salome? Wie kommt man ihr nahe? Wie bereitet man sich vor? „Ich lese sehr viel, vor allem sehr oft das Stück“, sagt Drassl: „Den Text intus zu kriegen, ist spannend, aber schwer. Denn das ist ja eine Kunstsprache. Die Salome gilt als lieb. Das ist sie nicht. Sie liebt den Titus, aber sie geht nicht gerade auf ihn los. Sie kämpft nicht die ganze Zeit um diesen Mann – der sie verleugnet. Als er das tut, sagt sie: O.K., du entscheidest dich für ein anderes Leben, das musst du dann auch leben. Sie ist sehr oft verletzt, sehr oft rausgeschmissen worden. Sie hat wahnsinnig viel auf den Deckel gekriegt. Sie bringt die Dinge mit einer unglaublichen Einfachheit auf den Punkt. Sie hat ein großes Mitteilungsbedürfnis. Sie hat ihr kleines System, ihren Beruf, ihre Gänse. Aber sie will nicht alleine sein. Die Einsamkeit macht ihr zu schaffen.“
Auf der Straße, im Café schaut sich Drassl in letzter Zeit genauer um. Wer sind heute die Außenseiter? „Arbeitslose, alte Leute, Ausländer. Neulich bin ich in der ,Aida' neben einer alten Frau gesessen, die ansatzlos wie ein Wasserfall zu reden begonnen hat.“ Drassl liebt es zu probieren. Zwei Monate dauern die Premierenvorbereitungen im Theater. Das ist ein Luxus im Vergleich zum Film, wo man meist wohl vorbereitet mit seiner Rolle aufs Set kommen muss und dann für eine Einstellung jeweils höchstens drei Minuten hat.
Drassls Familie liebt das Theater. „Man kann sich das hier nicht vorstellen, aber in Südtirol gibt es fast in jedem Dorf eine Theatergruppe.“ Der Vater arbeitet bei einer Bank. In seiner Freizeit spielt er, jüngst sogar gemeinsam mit seiner Tochter. Auch die Mutter ist in ihrer Jugendzeit gern aufgetreten. Als Gerti Drassl erst Tänzerin und dann Schauspielerin werden wollte, waren die Eltern gleich einverstanden. Der Bruder, Architekt, engagiert sich ebenfalls in einer Laiengruppe.
Ob der Titus mit seiner Salome glücklich wird? Er strebt nach Höherem, sie ist zufrieden mit ihrer bescheidenen Existenz. Drassl lacht und fällt jäh ins Tirolerische: „Das isch eine Frage! Das weiß ich doch nicht. Es kann auch total in die Hose gehen. Er ist ein Macho. Sie bringt ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Aber ich bin ein optimistischer Mensch. Ich hoffe für die zwei, dass sie eine gute Ehe haben.“ Teresa Zötl
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2009)