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Von der Freiheit, im Internat zu sein

Claudia Reiterer
Claudia ReitererFabry
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Der Enge daheim entfliehen: Wie sich Claudia Reiterer ihren Weg erkämpfte.

Sie ist ein knappes Jahr alt, als sie aus dem Kinderheim in Wien zu der Pflegefamilie nach Fersten in der Oststeiermark kommt. „Ein 17-Häuser-Dorf mit damals 56 Einwohnern“, erzählt ORF-Journalistin Claudia Reiterer. Drei Pflegekinder zieht die Familie neben der leiblichen, schwer behinderten Tochter auf. Die Pflegemutter ist die „Chefin“, sie gibt den Ton an. Ihr Mann, ein Arbeiter, redet viel über Politik und über den Krieg, aber nur Reiterer will ihm dabei zuhören. Sie darf sich mit ihm schon als kleines Kind die „Zeit im Bild“ anschauen.  
Einen Kindergarten gibt es nicht. Mit sechs Jahren kommt Reiterer in die Volksschule in St. Johann in der Haide. „Sobald ich lesen konnte, habe ich alles gelesen, was ich kriegen konnte.“ Nach der Volksschule geht das Mädchen in die Hauptschule in Hartberg. „Mein Klassenvorstand wollte, dass ich ins Gymnasium gehe, aber meine Pflegemutter hat das untersagt.“ Ohne nähere Begründung. „Mir ging es dann sehr schlecht. Ich wollte unbedingt Matura machen, studieren, ich hatte so einen Bildungshunger. Ich wollte raus, weg von hier, solange ich denken kann.“

Die Pflegemutter teilt ihr mit, dass sie eine Lehrstelle in St. Johann in der Haide in Aussicht habe, als Friseurin. „Da wusste ich, Alarmstufe rot.“ Reiterer informiert sich über Möglichkeiten, eine Krankenschwesterausbildung zu machen. „Ich dachte, so könnte ich rauskommen, und die Ausbildung war gratis.“ Die Mutter willigt ein, aber nur, wenn die Tochter in der Nähe, in Oberwart bleibt. „Ich wusste aber, ich musste nach Graz, ins Internat, um frei zu sein.“ Das Mädchen setzt sich durch, dass sie zur Aufnahmsprüfung darf und besteht.

Das Klosterschwesterinternat war für sie „die pure Freiheit“, Graz die große, weite Welt. „Am ersten Tag bin ich das erste Mal in meinem Leben auf einer Rolltreppe nach oben gefahren, beim damaligen Kastner.“
In der Schwesternschule lernt sie Gerlinde kennen. Mit ihr beschließt sie: „Wenn wir fertig sind, machen wir die Matura nach und gehen studieren.“ Mit 19 beginnt Reiterer als Krankenschwester auf der Herzchirurgie. Die beiden Frauen teilen eine Wohnung im Schwesternwohnheim, sparen. Drei Jahre später machen sie die Studienberechtigungsprüfung. Sie wollen vor dem Beginn ihres Studiums gemeinsam in die USA fahren. Kurz vor dem Urlaub verunglückt Gerlinde tödlich in den Bergen.  
„Ich fuhr mit einem One-Way-Ticket in die USA, kündigte fristlos, wollte alles hinhauen.“ Nach drei Monaten ist das Geld aus und die Sinnsuche zu Ende. Reiterer beginnt zu studieren, macht zusätzlich eine Journalismusausbildung. Danach geht es Schlag auf Schlag, Radio, Fernsehen, sie bekommt das Angebot, zur „ZiB“ nach Wien zu gehen. Ihre „unendliche Neugier“ und ihr „Bildungshunger“ sind zu ihrem Beruf geworden. Ki