Haile Gebrselassie: Der Marathonmann

Haile Gebrselassie
Haile Gebrselassie(c) EPA (ALI HAIDER)
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Der Äthiopier dominierte auf der Laufbahn und gibt nun im Marathon als Weltrekordhalter das Tempo vor. Im Exklusivinterview mit der "Presse am Sonntag" spricht er über seine Liebe zum Laufsport.

Sie haben über 5000 und 10.000 Meter dominiert, zweimal Olympia- und viermal WM-Gold gewonnen. 2005 wechselten Sie aber zum Marathon – warum?

Haile Gebrselassie: Warum, das ist ganz leicht erklärt. Ich liebe Marathon! In meiner Heimat Äthiopien genießt er großes Ansehen, und ich wollte mich auch über diese Strecke behaupten. Beim Marathon geht es um das hohe Tempo, das du sehr lange Zeit laufen musst; ich will ja auch Rekorde brechen. Das ist meine Herausforderung! Ich genieße das Laufen auf der Straße mehr als auf der Tartanbahn in einem Stadion.

Wie bereiten Sie sich auf ein Rennen über 42,195 Kilometer vor?

Das hängt von meinem jeweiligen Programm und dem Streckenverlauf ab. Ich trainiere vorwiegend im Hochland und suche dabei auch Abschnitte, wo es rauf und runter geht. Ich laufe solides Tempo, aber nicht zu schnell. In der Regel brauche ich als wirkliche Vorbereitungszeit mindestens neun bis zehn Wochen. Vergessen darf man aber nicht, dass ich das ganze Jahr über immer im Training bin. Es sind also nur noch die letzten, konzentrierten Vorbereitungen.

Haben Sie sich eigentlich schon einmal ausgerechnet, wie viele Kilometer Sie pro Jahr laufen?

(lacht) Nein, eigentlich nicht. Aber pro Woche werden es schon an die 200 Kilometer sein.

Manche sind ja nicht einmal mit dem Auto so viel unterwegs...

(lacht) Wirklich, dabei dachte ich, dass in Österreich und Deutschland sehr viel Auto gefahren wird. Aber wir sprechen vom Marathon – da musst du genügend Reserven und Ausdauer haben. Also musst du vorher sehr viel gelaufen sein, um im Rennen dein Tempo zu halten.

Sie schraubten 2008 den Weltrekord beim Berlin-Marathon auf 2:03:59h. Das sind knapp über 20 km/h pro Stunde...

Das war wirklich sehr gut, nicht wahr? Es war ein faszinierendes Erlebnis. Berlin ist aber auch eine wunderbare Strecke, und heuer werde ich wieder alles unternehmen, um diese Zeit erneut zu verbessern. Berlin ist meine Glücksstadt!

Schon bei der Leichtathletik-WM im August oder erst im September beim Marathon?

Die Weltmeisterschaft bestreite ich sicher nicht, sorry. Aber im September bin ich auf jeden Fall dabei, keine Frage. Berlin bleibt heuer nach Dubai mein einziger Auftritt.

Und der Weltrekord, können Sie ihn tatsächlich wieder brechen?

Ich denke schon daran, aber vorhersagen kann man es nicht. Das hängt von so vielen Dingen ab, wie Temperatur, Wetter, Wind. Aber ich habe vor, wieder eine Weltklassezeit zu laufen.

An welche Zeit hätten Sie dabei gedacht, sind 2:03:00h realistisch?

Naja, das wäre schon verdammt schnell. Aber ich denke an 2:03:30 oder :35. Das ist möglich, wenn alles passt. Wenn es aber zum Beispiel regnet, ist alles vorbei. Die Kombination von allem muss einfach stimmen. Ein Marathon muss ein perfektes Rennen sein.

Sie sind in Ihrer Heimat ein Volksheld, wie geht man damit um?

Wenn ich mit meiner Frau und den Kindern in Addis Abeba unterwegs bin, fragt immer jemand um ein Foto oder ein Autogramm. Aber das ist normal, ich bin ja auch stolz darauf, für viele in meiner Heimat ein Idol zu sein. Es ist wichtig für Äthiopien, dass Sportler Erfolg haben. Wenn ein Läufer gewinnt, ist das ganze Land glücklich.

Sie sind als Geschäftsmann in der Immobilienbranche tätig und geben hunderten Leuten einen Job. Wollen Sie auch abseits des Sports als Vorbild gelten?

Ich will den Menschen immer helfen. Im ganzen Land schaffe ich es nicht, aber zumindest in Addis Abeba gelingt es mir mit meiner Firma. Ich gebe vielen nicht nur Arbeit, sondern, ja, ich gebe ihnen sicher auch Hoffnung. Daher ist es wichtig, was ich tue. Mit meinem Geld kann ich Firmen aufbauen und in Äthiopien etwas bewegen.

Das Dopingproblem beschäftigt den Sport derzeit mehr denn je. Was sagen Sie zu dieser Plage?

Ich finde es einfach nur schade, dass nur noch darüber gesprochen wird. Der Sport gerät dabei in Vergessenheit. Mit Doping kann ich die ganze Welt betrügen. Dabei ist es doch das Dümmste, was ich als Läufer machen kann: Du betrügst dich selbst! Das sage ich auch allen: ,Hört auf damit, betrügt euch nicht! Habt Spaß, lauft, gebt euer Bestes. Ihr habt doch nur ein Leben, ruiniert es nicht‘.

Am 19. April ist Wien wieder auf den Straßen, läuft der Vienna City Marathon. Haben Sie schon von diesem Rennen gehört?

Ja! Wien soll eine irrsinnig schöne Stadt sein. Vielleicht laufe ich eines Tages dort, wer weiß...

Wirklich...? Der Wien-Marathon würde in Ihren Lebenslauf passen?

Klar, das ist doch kein Problem. Ruft mich an oder doch besser meinen Manager, Jos Hermens. Der kümmert sich um alle Verpflichtungen. Ladet mich ein, und vielleicht klappt es!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2009)

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