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"Mädchen wurden als Huren bezeichnet und behandelt"

Professor Alexis Jay arbeitete die Vorkommnisse um Kindesmissbrauch in Rotherham in einem Untersuchungsbericht auf. Dass die Verantwortung dafür nicht klar benannt wurde, habe ihr zufolge zur Katastrophe geführt.

Sie haben in Ihrem Bericht sehr klar die Verantwortung von Behörden und Polizei angeprangert. Aber sind die Verbrechen in Rotherham nicht auch ein massives Versagen der Gesellschaft?

Alexis Jay: Das kann man sicher so sehen. Aber Bürger, die darauf aufmerksam machen wollten, wurden nicht ernst genommen oder ignoriert.

Warum?

Das hat viele Gründe. Die Einstellung der Polizei und der Sozialdienste war fragwürdig. Sie behandelten, was vorfiel, nicht als Verbrechen und behandelten die Opfer mit Verachtung. Mädchen wurden als Huren bezeichnet und behandelt, als würden sie den Schutz des Gesetzes nicht verdienen. Kindesmissbrauch war lange kein Thema für die Polizei, man tat so, als handelte es sich um einvernehmliche sexuelle Beziehungen, obwohl manche Opfer erst elf oder zwölf Jahre alt waren.

Aber dann ist es ein klarer Verstoß gegen das Gesetz?

Absolut, es ist ein Verbrechen, und so hätte man auch damit umgehen müssen. Die Verantwortlichen haben versagt und sind ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden.

Ist Rotherham ein einmaliger Fall oder Symptom für ein gesellschaftliches Problem?

Letzteres ist der Fall. Aber niemand kennt das wahre Ausmaß von sexueller Ausbeutung, es ist tief verborgen und die Opfer – Mädchen wie Buben – finden es extrem schwierig, ihre Erfahrungen offenzulegen. Mein Bericht spricht von 1400 Opfern, aber das ist eine extrem vorsichtige Annahme.

Was sagen uns die Enthüllungen nicht nur in Rotherham über den Umgang der britischen Gesellschaft mit Kindern?

Ich will zu keinen voreiligen Schlüssen kommen, denn nichts kann daran etwas ändern, dass es sich um abscheuliche Verbrechen handelt. Das Schlimmste sind Versuche, das Problem unter den Teppich zu kehren. Mein Bericht war vielleicht ein Wegbereiter, dass auch andernorts das Thema offensiv angegangen wird. Zu sagen, sie hat ein kurzes Kleid getragen und wollte es ja, bedeutet nichts anderes, als den Opfern auch noch die Schuld zu geben.

Wie ist es möglich, dass die Täter solche schrecklichen Taten begingen? Ist das ein Versagen aller Instanzen, dass Menschen so etwas tun können?

In manchen Fällen kann es mit dem Hintergrund der Herkunft und der Kultur zu tun haben, und ich will niemanden nach rassistischen Stereotypen beurteilen. Was wir unabhängig davon beobachten, ist, dass die neuen Medien und Hilfsmittel den Missbrauch wesentlich erleichtern. Was online scheinbar harmlos beginnt, setzt sich schnell in der Realität brutal fort. Für andere wieder ist es eine eiskalte Berufswahl, sie machen Geld mit Mädchen wie andere mit Drogen. Wir haben auch gesehen, wie ältere Männer ihren Söhnen sozusagen mit schlechtem Beispiel vorangingen und sie ebenfalls zu Tätern machten.

Wie soll man mit dem Umstand umgehen, dass etwa in Rotherham die Täter aus einer Minderheitsgruppe kommen?

Meine Position ist, dass Fakten auf den Tisch gehören und klar adressiert werden müssen. Genau das hat man ja in Rotherham nicht gemacht, und das führte zu der Katastrophe. Das Schlimmste ist es, nichts zu tun. Die Führer der Gemeinden und der Religionen haben offensichtlich versagt, weil sie keine Schande über ihre Gruppen bringen wollten.

Was kann und muss man tun, um in einer Gemeinde wie Rotherham einen Heilungsprozess zu schaffen?

Ich bedaure die guten Menschen von Rotherham aufrichtig. Es ist erschütternd, peinlich, schmerzhaft, und dieser Gemeinde anzugehören, ist momentan so etwas wie ein Kainsmal. Die große Mehrheit auch in Rotherham sind anständige, gute Leute. Sie sollten nicht national zu Sündenböcken gestempelt zu werden.

Zur Person

Alexis Jay ist heute Visiting Professor an der University of Strathclyde und war Leiterin des Sozialdienstes in Schottland. Im August 2014 veröffentlichte sie einen Untersuchungsbericht über den Kindesmissbrauch in Rotherham.