Burgtheater: Die verzweifelte Klage der Schutzbefohlenen

Elfriede Jelineks
Elfriede Jelineks "Schutzbefohlene" am BurgtheaterAPA/HANS KLAUS TECHT

Regisseur Michael Thalheimer verdichtet Elfriede Jelineks ausuferndes Flüchtlingsdrama in Wien bei der österreichischen Erstaufführung zu einem großen Abend voll Pathos und starker Gesten, der tatsächlich zu Mitleid rührt.

Beginnen wir mit dem Ende: Nach eineinhalb Stunden fast pausenloser Anklage und Klage, in denen sich 16 Schauspieler des Burgtheaters in Elfriede Jelineks Drama „Die Schutzbefohlenen“ an die Rampe vorgearbeitet haben, chorisch deklamierend und in kleinen Soli, ziehen sie sich langsam wieder, noch immer das Publikum konfrontierend, zum verengten hinteren Ende der Bühne zurück: „Wir sind gar nicht da“, sagen sie leise. Langsam wird es dunkel.

So endete im Burgtheater bei der Premiere am Samstag ein großer Abend von nur neunzig Minuten, der betroffen macht. Mit fantastischer sprachlicher Artistik hat sich Elfriede Jelinek des Themas Flucht und Emigration angenommen, an einem konkreten Fall, den sie mit Elementen antiker griechischer Tragödie, mit Sprüchen des den Fortschritt kritisierenden, unzeitgemäßen Philosophen Martin Heidegger und ganz eigenen, zeitgemäßen Wortspielen bereichert:

Ende 2012 hatte eine Gruppe von Asylwerbern in der Wiener Innenstadt protestiert und war schließlich in die Votivkirche geflüchtet, hatte also das alte Recht beansprucht, dass solche heiligen Stätten ohne Unterschied all jenen Schutz bieten, die darum bitten. Der griechische Dichter Aischylos hat vor zirka 2480 Jahren einen ähnlichen Stoff in seiner Tragödie „Die Schutzflehenden“ verarbeitet. Bei ihm fliehen 50 Töchter des Danaos aus Ägypten nach Argos. Sie wollen Aufnahme, erhoffen den Schutz des mit ihnen  verwandten König Pelasgos.

Ein Massengrab im Mittelmeer

Diese Erzählstränge hat Jelinek in ein kunstvoll gestricktes, umfangreiches Drama eingebaut, das sich in einen Wortstrom ohne explizite Kennzeichnung der einzelnen Personen ergießt. Der deutsche Regisseur Michael Thalheimer, der in Wien unlängst äußerst effektiv die „Elektra“ des Hugo von Hofmannsthal und die „Maria Magdalena“ des Friedrich Hebbel verdichtet hat, ist bei Jelineks großer (An-)Klage in Höchstform. Er hat wohl weit mehr als die Hälfte des Textes gekürzt, aber es scheint nichts Wesentliches zu fehlen, nein es scheint sogar eine Verbesserung zu sein. Das Ensemble treibt die Sprache im Chor zur Perfektion, eindrücklich beklemmend ist auch das einfache aber raffinierte Bühnenbild von Olaf Altmann. Er hat die Bühne verkleinert: Schwarz ist die breite Umrandung, schwarz verjüngt sich der Raum stark perspektivisch. Der Boden ist mit Wasser bedeckt – das tödliche Mittelmeer, ein Massengrab für Flüchtende. (Die Nachricht von einem Schiffsunglück vor Lampedusa, bei dem Hunderte Asylsuchende starben, hat Jelinek ebenfalls verarbeitet.) In der Rückwand des Raumes sind je ein waag- und ein senkrechter Schlitz, die, von hinten her beleuchtet, ein mächtiges Kreuz ergeben.

Beginnen wir von vorne: Am Anfang zwängen sich aus diesem Kreuz die in der Kirche Schutzsuchenden, begleitet von Bert Wredes elegischer Musik – simple, monotone Geigenklänge, dann eine bedrohliche Klangkulisse. Die Menschen fallen ins Wasser, rudern hilflos mit den Armen, stehen auf, fallen wieder hin, machen diesen Pool zu einem wogenden Meer. Sie haben es überwunden: „Wir leben!“, sagen sie unisono (Chorleitung: Marcus Crome), sie klagen, klagen an, hadern mit dem harten Schicksal der Vertreibung, dass sie beinahe chancenlos seien. Sie kämpfen sich vor zur Rampe, wo sie schließlich von unten her angeleuchtet werden. Eingangs haben diese Personen kein Gesicht, sie tragen Masken, aus Plastikmüll die antikisierend wirken.

Erst nach und nach nehmen die Darsteller die Masken ab, sie zeigen nun für geraume Zeit ihre individuellen Züge, bis sie die Masken wieder aufsetzen und schließlich im Dunkel verschwinden. Davor aber erzeugt dieser archaisch wirkende Chor voll Poesie, was gute Tragödien laut Aristoteles bewirken: eleos und phobos, Jammer und Schaudern also, die Lessing in der Hamburgischen Dramaturgie mit Mitleid und Furcht übersetzt. Bei Jelinek kommt – naturgemäß für die Moderne – auch noch eine Spur Sarkasmus dazu, der uns gilt, den Zuschauern. Das Lachen bleibt dabei im Hals stecken.

Eine Arie führt zum Ersten Kreuzzug

Der beißende Spott, der selbst in diesem ernsten Stück komische Momente hervorruft, wird besonders deutlich, als die Rede auf wohlhabende Asylsuchende kommt: Eine Tochter eines russischen Präsidenten habe sich die österreichische Staatsbürgerschaft mit Geld erworben, eine russische Sängerin durch den Vorteil ihrer samtenen Stimme, sagen die Schutzbefohlenen. Und schon, als das Leid und die gesteigerte Klage des Chors kaum noch zu ertragen sind, schaukelt eine Sängerin im weiten dunklen Reifrock und mit mehrerer Meter langer Schleppe die Rampe entlang, stimmt Almirenas Arie „Lascia ch'io pianga“ aus Georg Friedrich Händels erster Londoner Opera seria an, „Rinaldo“, sie handelt vom Ersten Kreuzzug 1099. Es geht um Liebe, Krieg und Erlösung: „Lass mich mein grausames Schicksal beweinen und seufzen um meine Freiheit,“ singt die elegante Dame.
Freiheit und Frieden, das fordern nun auch die Anderen, sie brüllen es heraus und bitten um Verzeihung – dafür, dass sie überhaupt da sind. Die Umkehrung der Verhältnisse ist eine Provokation. Die Opfer empfinden sich als Schuldige. Ein verhärtetes Herz hat, wer sich davon nicht rühren lässt.  

Das Burgtheater-Ensemble  in  „Die Schutzbefohlenen“: Jasna Fritzi Bauer, Sarah Victoria Frick, Alexandra Henkel, Christiane von Poelnitz, Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck, Adina Vetter, Lucas Gregorowicz, Tino Hillebrand, Daniel Jesch, Marcus Kiepe, André Meyer, Tilo Nest, Thomas Reisinger, Daniel Sträßer, Stefan Wieland. Alternierende Sängerinnen: Marelize Gerber, Ghazal Kazemi, Anna Manske und Monika Schwabegger.

Termine: 31. März und 2. April (jeweils 20 Uhr), 23. April (19:30 Uhr), 27. /29. März sowie 4. Mai (jeweils 20 Uhr).