Zeit der Programmpräsentation, Zeit zum Überlegen: Wie unsere Symphoniker auf Herausforderungen reagieren.
Die Wiener Symphoniker arbeiten still und heimlich an einer Renovierung des Konzertlebens in ihrer Stadt. Das hat seinen Sinn, denn die Symphoniker waren über Jahrzehnte hin ganz selbstverständlich jenes Orchester, das die Hauptlast des symphonischen Angebots in Musikverein und Konzerthaus getragen hat.
Seit geraumer Zeit haben sich Konzertbesucher daran gewöhnt, dass viel mehr Gastorchester als früher nach Wien kommen, und dass die Philharmoniker ihren Status als geschlossene Gesellschaft, zu der nur alteingesessene Abonnementbesitzer Zutritt fanden, aufgegeben haben.
Wer nun den Auftrittskalender der Symphoniker studiert und prüft, was das Orchester in seinen eigenen Zyklen anbietet, der kann feststellen, dass man im Symphoniker-Management die Zeichen der Zeit erkannt hat.
Gerade die Programme in der Fasten- und Osterzeit verraten, wie klug man unter der künstlerischen Führung des neuen – allgemein als Glücksgriff gefeierten – Chefdirigenten, Philippe Jordan, neue Bahnen erobert; und zwar in wohlüberlegtem Rückgriff auf wienerische Traditionen.
Dass die Symphoniker unter Jordan sich endlich wieder an die Bach'schen Chorwerke wagen, sorgt nach interpretatorischem Paradigmenwechsel in Sachen Originalklang wieder für eine Öffnung und damit für eine Verbreiterung der Sichtweisen. Wer die Erkenntnisse der Harnoncourt-Generation für sich zu verarbeiten weiß, kann mit den modernen Mitteln eines Symphonieorchesters durchaus eine neue Diskussionsrunde eröffnen, also die stilistische Entwicklung vorantreiben.
Apropos Öffnung: Auch das Programm des diesjährigen Osterkonzerts „Frühling in Wien“ kann aus einem didaktischen Blickwinkel betrachtet werden: einzelne Sätze einer Schubert-Symphonie, unterbrochen von Liedarrangements (zum Teil von Max Reger, zum Teil als Uraufführungen neuer Bearbeitungen, gesungen von Matthias Goerne) – das sieht aus wie Kraut und Rüben und eine Verbeugung vor dem Zeitgeist, der Klassik nur noch häppchenweise verträgt und es zulässt, dass zwischen Symphoniesätzen applaudiert wird. Dem darf man entgegnen: Genau so ist es zu Schuberts Zeit gewesen.
Manch scheinbar modische Vermittlungsform stammt halt aus dem Biedermeier. Und die seit dem Vorjahr in Zusammenarbeit mit dem Konzerthaus lancierten fridays@seven praktiziert man in den USA seit Langem: ein Klassikprogramm, das nicht mehr als eine Stunde dauert – doch darf, wer möchte, den Musikern danach bei Kammermusik in ungezwungenem Rahmen lauschen. Etwa dem neuen Chefdirigenten, der ja auch ein glänzender Pianist ist...
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2015)