Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Die letzte Chance der südeuropäischen Krisenländer

Die Südländer müssten jetzt die Preise für ihre eigenen Güter verringern.

In den inflationären Kreditblasen, die der Euro erzeugte, wurden die südeuropäischen Krisenländer viel zu teuer. Um wieder wettbewerbsfähig zu werden, müssen Länder wie Griechenland, Spanien oder Portugal die Preise für ihre eigenen Güter relativ zum Rest der Eurozone und im Vergleich zum Krisenbeginn um etwa 30Prozent verringern. Italien muss vermutlich zehn bis 15Prozent billiger werden. Tatsächlich haben sich Portugal und Italien einer solchen „realen Abwertung“ bisher völlig verweigert; in Spanien und Griechenland gingen die relativen Preise nur um sechs bzw. um acht Prozent zurück.

Unter den Krisenländern hat allein Irland die Kurve gekriegt, weil seine Blase schon Ende 2006 platzte, als es noch keine Rettungsschirme gab. Da keiner half, schnallte man den Gürtel enger und senkte die relativen Güterpreise um 13Prozent. Die Rosskur hat Irland inzwischen einen Superboom verschafft.

Relativ gesehen erhielt Griechenland die meisten Rettungsgelder und weist den größten Zuwachs der Arbeitslosigkeit auf. Die öffentlichen Kredite, die das Land vom EZB-System und der Staatengemeinschaft bekam, haben sich seit Februar 2010 von 53 Mrd. Euro auf mittlerweile 324 Mrd. Euro oder 181Prozent des BIPs bald versechsfacht, die Arbeitslosigkeit hat sich von elf auf 26Prozent mehr als verdoppelt.

 

Vier Reaktionsmöglichkeiten

Es gibt vier Reaktionsmöglichkeiten für Politik und Wirtschaft. Erstens kann Europa zu einer Transferunion werden, indem der Norden dem Süden immer mehr Kredit gibt und später erlässt; zweitens kann der Süden deflationieren; drittens kann der Norden inflationieren; viertens können nicht mehr wettbewerbsfähige Länder aus der Eurozone austreten und ihre neue Währung abwerten. Jeder dieser Wege ist mit gravierenden Nebenwirkungen verbunden. Der erste erzeugt eine dauerhafte Abhängigkeit von den Transfers und zementiert die falschen Preise; der zweite treibt viele Schuldner der Krisenländer in den Konkurs; der dritte enteignet die Gläubiger, die vor allem in Deutschland sitzen; der vierte könnte Ansteckungseffekte über die Kapitalmärkte hervorrufen, die die Politik, wie im Falle Zyperns 2013, zur Einführung von Kapitalverkehrskontrollen zwingen.

 

Die Verlockung billigen Geldes

Die europäische Politik hat sich bisher auf öffentliche Kredite an die Krisenländer zu Zinsen nahe null konzentriert. Jetzt versucht die EZB mit ihrem Quantitative Easing (QE) den dritten Weg. Das erklärte Ziel ist es, die Inflationsrate durch den Aufkauf von Wertpapieren im Umfang von über 1100 Mrd. Euro von knapp unter null auf knapp unter zwei Prozent zu vergrößern.

Dies würde den Südländern tatsächlich einen Ausweg aus ihrer Wettbewerbsfalle ermöglichen. Denn wenn sie mit ihren Preisen auf der Stelle treten, während der Norden nach-inflationiert, können sie ihre relativen Güterpreise allmählich wieder senken, ohne dass es zu sehr schmerzt. Freilich muss der Norden dann schneller als nur um zwei Prozent inflationieren.

Zu befürchten ist allerdings, dass die Südländer, statt bei den Preisen auf der Stelle zu treten, ihre Austeritätspolitik aufgeben und die Wirtschaft durch immer mehr Staatsverschuldung anheizen. Dann wäre für die Wettbewerbsfähigkeit nichts gewonnen, der Euroraum würde in die Dauerkrise zurückkehren. Man kann nur hoffen, dass die Südländer der Verlockung des billigen Geldes widerstehen. Sie haben jetzt ihre letzte Chance.

Hans-Werner Sinn ist Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Universität München, Präsident des Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und Berater des deutschen Wirtschaftsministeriums. Sein jüngstes Buch: „Gefangen im Euro“.

Copyright: Project Syndicate 2015

E-Mails an:debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2015)