Chaostage in Thailand: Expremier Shinawatra ruft zur Revolution auf

(c) REUTERS (Chaiwat Subprasom)
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Thailands Hauptstadt stand am Ostermontag an der Schwelle zum Bürgerkrieg. Brennende Barrikaden, Schüsse auf Demonstranten, über hundert Verletzte und zwei Tote. Die Gewalt eskaliert.

BANGKOK.Schüsse hallten in den Straßen, dunkler Rauch stieg auf, marodierende Massen zogen durch Bangkok: „Ein schwarzes Songkran!“ titelte die Tageszeitung „The Nation“. So hatten sich die Bewohner Songkran, das buddhistische Neujahrsfest, wahrhaftig nicht vorgestellt. Antiregierungsdemonstranten besetzten Kreuzungen, kaperten Busse und auffahrende Panzer und errichteten aus brennenden Autoreifen Barrikaden. Dann rückte die Armee an – mit Warnschüssen, Tränengas, Wasserwerfern.

Zunächst machten Meldungen über mehr als 100 Verletzte die Runde, dann hieß es gar, es habe Tote gegeben: „Die Armee hat auf friedliche Protestler mit M-16-Sturmgewehren gefeuert“, sagten Demonstranten. Mindestens vier seien ums Leben gekommen, ihre Leichen habe die Armee beiseitegeschafft. Am Abend starben aber zwei Anrainer, die mit Demonstranten aneinandergeraten waren, sagte ein Regierungsvertreter.

Machtloser Premierminister

Ordnung wünscht sich der gebeutelte Premier Abhisit Vejjajiva, der am Sonntag den Notstand über Bangkok und die umliegenden Provinzen verhängte. Zugleich forderte er die in revolutionäres Rot gekleideten Protestler zur Zurückhaltung auf. Doch die scheren sich nicht darum. Die Demonstranten nennen sich „Vereinigte Front für Demokratie gegen die Diktatur“ (UDD) und sind Anhänger des 2006 vom Militär entmachteten Premiers Thaksin Shinawatra. Ihr Ziel ist es, Abhisit zu stürzen.

Was vor Monaten als friedlicher Protest begonnen hat, gerät nun außer Rand und Band. Eine Kostprobe gab es bereits am Samstag. Da hatten Thaksin-Getreue den Asean-Gipfel im Badeort Pattaya gesprengt. Minister mussten per Hubschrauber ausgeflogen werden. Der Gastgeber Thailand war bis auf die Knochen blamiert.

Der Machtkampf hält nun schon mehr als drei Jahre an. Einer der Höhepunkte war der Putsch gegen Thaksin im September 2006. Ihm waren Machtmissbrauch und Korruption vorgeworfen worden. Ein Gericht hatte ihn zu zwei Jahren Haft verurteilt. Thaksin floh und ruft seine überwiegend aus der armen Landbevölkerung im Norden und Nordosten stammenden Anhänger nun aus dem Exil zum Umsturz auf: „Jetzt, da Panzer in den Straßen sind, ist es Zeit für das Volk, zu einer Revolution herauszukommen. Und wenn es nötig ist, werde ich ins Land zurückkehren.“

Was denkt der König?

Die jüngsten Proteste sind ein Déjà-vu – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Schon im vergangenen Jahr drohte Thailand im Chaos zu versinken, als die sogenannte „Volksallianz für Demokratie“, kurz PAD, auf die Straße ging. Sie wollte die Ende 2007 neu gewählte und erneut aus Thaksin-Anhängern bestehende Regierung stürzen.

Hinter der PAD stehen vor allem konservative Militärs, Technokraten und der Bangkoker Geldadel – eine Elite, die den ehemaligen Premier Thaksin als politischen Emporkömmling verachtet. Die PAD-Anhänger kleiden sich in gelbe Gewänder, also in jene Farbe, die den im Land hochverehrten König Bhumibol Adulyadej symbolisiert. Allerdings hat der alte und kränkliche Monarch während all der Monate nicht wirklich erkennen lassen, wo er in dem Konflikt steht.

Die Krise drohte zu eskalieren, als die PAD August 2008 das Gelände des Regierungssitzes stürmte und drei Monate später Bangkoks Flughäfen besetzte. Erst ein Urteil des Verfassungsgerichtes Anfang Dezember brachte die „Gelben“ dazu, sich zurückzuziehen: Die bis dato regierende „People Power Party“ wurde wegen Wahlbetrugs aufgelöst, etliche Spitzenpolitiker sowie der damalige Premier Somchai Wongsawat, ein Schwager Thaksins, mussten zurücktreten.

Dann folgten politische Manöver: Thaksin-Anhänger liefen zu Abhisits „Demokratischer Partei“ über. Kritiker monieren, das Militär habe bei dieser Regierungsbildung „nachgeholfen“. Abhisit muss sich seitdem Vorwürfe gefallen lassen, eine Marionette von Militärs und konservativen Kreisen zu sein. Kein Wunder, dass sich Thaksins Anhänger betrogen fühlen.

Tourismus schwer angeschlagen

In den vergangenen Monaten initiierten sie zahlreiche Demonstrationen, auch gegen den General Prem Tinsulanonda, in dem sie den eigentlicher Drahtzieher des Putsches von 2006 vermuten. Diese Vorwürfe sind ziemlich brisant: Prem ist nämlich der Präsident des Staatsrates – und als solcher der bedeutendste Berater des Königs.

Die thailändische Tourismusbranche, eines der Aushängeschilder des asiatischen Staates, leidet jedenfalls schwer. Im Jahr 2007 kamen rund 14,5 Millionen Feriengäste. Nun dürfte rund ein Viertel des jährlichen Umsatzes von umgerechnet etwa zwölf Milliarden Euro wegbrechen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2009)

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