Schnellauswahl

Indien: Ein Neuntel der Menschheit geht wählen

INDIA STATE ELECTIONS
(c) EPA (Str)
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714 Millionen Inder bestimmen ab Donnerstag ihr Parlament. Religion ist dabei ein großes Thema, denn die oppositionellen Hindu-Nationalisten schüren gezielt anti-moslemische Ressentiments.

DELHI. Wenn ab Donnerstag die Inder an die Wahlurnen gehen, um ein neues Unterhaus zu wählen, beginnt eine Abstimmung, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat: 714 Millionen Wahlberechtigte sind dann dazu aufgerufen, ihre Stimme abzugeben: also jeder neunte Mensch. Vier Millionen Helfer sollen in 828.804 Wahllokalen eingesetzt werden. Die Registrierung läuft noch. Es wird erwartet, dass mehr als 5000 Kandidaten für rund 200 Parteien oder als Unabhängige antreten werden.

Zwei Millionen Polizisten, Paramilitärs und Soldaten sollen die Wahl sichern, die aus Sicherheits- und organisatorischen Gründen in fünf Etappen bis zum 13.Mai abgehalten wird. Dann wird Indien 543 Sitze der „Lok Sabha“, des Abgeordnetenhauses, bestimmt haben. Zwei weitere Sitze vergibt Präsidentin Pratibha Patil.

 

Säkulare gegen Hindu-Nationalisten

Die Abstimmung wird zur Bewährungsprobe für die regierende Kongresspartei um Premier Manmohan Singh (76) und seine Vereinte Fortschrittsallianz (UPA), eine Koalition aus zehn Parteien. Singhs Regierung kann sich einige Erfolge auf die Fahnen schreiben: Indiens Wirtschaft ist seit Antritt der Koalition im Jahr 2004 rasant gewachsen. Noch vor dem Ende der Amtszeit von US-Präsident George W. Bush gelang es Singh, mit den USA zu vereinbaren, dass die illegitime Atommacht Indien Atomtechnologie und nuklearen Brennstoff aus dem Ausland einkaufen darf. Die Stimmung auf dem Land, wo immer noch drei von vier Indern leben, ist überwiegend gut. Ein umfangreiches Beschäftigungsprogramm der Regierung und der Zugang zu günstigen Darlehen für Kleinbauern haben den Wohlstand in den vergangenen fünf Jahren erhöht. Davon dürfte die Kongresspartei profitieren.

Doch nicht der trockene Technokrat Singh, sondern die eigentliche Herrscherin der Kongresspartei, Sonia Gandhi (62), Witwe des 1991 bei einem Attentat ermordeten Expremiers Rajiv Gandhi, dürfte auch künftig hinter den Kulissen die Fäden ziehen. Ihr Einfluss ist aber nicht unbegrenzt. Daher wird es wohl noch einige Jahre dauern, bis ihr Sohn, Rahul Gandhi (38), der im Wahlkampf wie ein Popstar gefeiert wurde, einen Regierungsposten einnehmen kann. Aber auch die größte Oppositionspartei, die Hindu-nationalistische Indische Volkspartei (BJP), geht ohne enigmatische Führungsfigur ins Rennen. Als Kandidat für den Posten des Premiers ist Oppositionschef Lal Krishna Advani vorgesehen. Der 81-jährige Rechtspopulist hat im Wahlkampf die religiöse Karte gezückt: Er wolle sich als Premier mit religiösen Führern beraten. Religion soll in der Politik mehr Gewicht haben.

 

Volkspartei: Mehr Religion in der Politik

Auch möchte Advani dafür sorgen, dass nach einem Wahlsieg der Ram-Tempel im nordindischen Ayodhya gebaut wird. 1992 hatten seine Anhänger und Mitglieder fanatischer Hindu-Vereine in Ayodhya eine jahrhundertealte Moschee gestürmt und zerstört. Ausschreitungen im gesamten Land mit Tausenden von Toten waren die Folge. Damals hatte Advani den Mob über Monate angeheizt, später aber bestritten, für die Gewaltwelle verantwortlich zu sein.

Der zweite Mann der BJP ist ebenfalls wegen seine Rolle bei religiösen Unruhen auf Bundesebene kaum tragbar. Daher hält sich Nerandra Modi (58), Premier des westindischen Staates Gujarat, zurück. 2002 brachten BJP-Mannen in seinem Staat bei Pogromen bis zu 3000 Moslems um. Modi war laut Zeugen über die Planungen der Morde informiert und soll die Polizei zurückgehalten haben, als das Töten begann.

 

Populärer Moslem-Kandidat aus Kaschmir

Doch es gibt auch einen prominenten moslemischen Kandidaten, nämlich den Separatistenführer Sajjad Gani Lone aus dem Bundesstaat Jammu und Kaschmir. Er wolle sicherstellen, dass das Volk Kaschmirs im Bundesparlament in Neu-Delhi eine Stimme habe, erklärte der Chef der Volkskonferenz von Jammu-Kaschmir am Samstag vor Journalisten in Srinagar. „Ich werde Kaschmir in Indien vertreten, nicht Indien in Kaschmir“, betonte er. Seine Bewegung ist eine Splittergruppe der von seinem Vater gegründeten größten Separatistenvereinigung Hurriyat.

Lone hatte bisher stets zum Boykott von Wahlen aufgerufen, da diese seiner Meinung nach nur dazu dienten, die Kontrolle Indiens über Kaschmir zu zementieren. Nun aber sprach er von einer neuen Strategie, die allerdings keinen Wandel in der Ideologie seiner Bewegung bedeute. Im indischen Teil Kaschmirs kämpfen muslimische Separatisten für die Unabhängigkeit oder den Anschluss an Pakistan. Dem Konflikt sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten annähernd 70.000 Menschen zum Opfer gefallen.

Indien und Pakistan haben seit ihrer Unabhängigkeit drei Kriege geführt, zwei davon um das geteilte Kaschmir. Ein seit Ende 2003 geltender Waffenstillstand schließt die muslimischen Extremisten nicht ein. Als Großbritannien 1947 den Subkontinent in die Unabhängigkeit entließ und mehrheitlich muslimisch besiedelte Gebiete das neue Pakistan bildeten, optierte der Maharadscha von Kaschmir, Hari Singh, ein Sikh, für den Beitritt seines Fürstentums mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung zur Indischen Union.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2009)