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Schlechtschreibung: Wie wichtig ist die Orthografie?

(c) BilderBox
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Rechtschreibfehler scheinen immer gehäufter aufzutreten. Was sagt es aus, wenn jemand nicht rechtschreiben kann? Und wie wichtig ist Rechtschreibung eigentlich? Über ein emotionales Thema.

Von „Oma's und Opa's Spielzeugladen“ über „Auto's bitte rückwärts einparken“ bis zu „Freitag's Vormittag's geschlossen“ reichen die Beiträge auf Deppenapostroph.info. Wenn man sich die Fotos von Schildern, Tafeln und Aushängen ansieht, kann man leicht zum Kulturpessimisten werden. Wer noch kein prekäres Verhältnis zum Buchstaben s hat, schwankt zwischen Amüsement und Entsetzen. Freilich, es sind Extremfälle – wer allerdings Beispiele für die falsche Verwendung des Apostrophs sucht, muss ohnehin nur durch eine beliebige Einkaufsstraße gehen.

Vor vierzig Jahren sei eine Hauptschule in der Lage gewesen, fast allen korrektes Schreiben beizubringen – von den Gymnasien ganz zu schweigen, erklären die älteren Generationen gern. Sie mussten dieselben Wörter immer wieder und wieder schreiben und schwitzten regelmäßig bei Diktaten. Sie übernahmen Stehsätze wie „Wer nämlich mit h schreibt, ist dämlich“ und eine grundlegende Einstellung: Rechtschreibfehler sind peinlich.

Seitdem hat sich einiges geändert: Rechtschreibfehler sind zwar immer noch peinlich – aber nur noch denen, die sie erkennen – und die sich dafür fremdschämen. Diejenigen, die über eine problematische „Pupertät“ oder heftigen „Wiederstand“ schreiben, reagieren auf die Anmerkung, dass dies nicht korrekt sei, oft eher gereizt. Woher dieser Sinneswandel?

 

Schüler machen mehr Fehler

Lehrer klagen nicht erst seit gestern, dass ihre Schüler immer schlechter werden. Untersuchungen und Umfragen bestätigen ihre Sicht. Etwa die des deutschen Germanisten Wolfgang Steinig, der in Nordrhein-Westfalen Schüleraufsätze aus mehreren Jahrzehnten verglich. Das Ergebnis: Schüler machen heute mehr als doppelt so viele Rechtschreibfehler wie vor vierzig Jahren – schreiben dafür aber jetzt kreativer. Dennoch gibt das zu denken. Es sollte doch wohl beides möglich sein.

Klar ist jedenfalls, dass nicht nur mehr Fehler gemacht werden, sondern dass diese auch sichtbarer sind. Denn es gibt durch das Internet mehr öffentliches Schreiben als noch vor 20 Jahren. Früher traten schlechte Schreiber allenfalls mal durch die postalischen „Grüsse aus Greichenland“ in Erscheinung. Nun aber sind E-Mails, Foren und Blogs aller Art sowie die sozialen Medien gefüllt mit Dass-Fehlern, falschen Apostrophen und überflüssigen Dehnungslauten.

Vor Ort darauf hinzuweisen ist müßig, außer man will sich ein paar schlecht geschriebene Beleidigungen abholen. Denn die Wertigkeit hat sich verschoben – zuungunsten der Orthografie. Im Privaten gelten oft nur noch wenige Regeln: Diesen Eindruck hat auch Peter Ernst vom Institut für Germanistik der Universität Wien: „Die Leute denken offenbar: Warum soll ich mich im privaten Bereich einzwängen lassen?“

Rechtschreibregeln scheinen vielen also maximal Empfehlungscharakter zu haben – und eine Deutschschularbeit wird wegen schlechter Rechtschreibung so gut wie gar nicht mehr mit einem Nicht genügend beurteilt. Immerhin gibt es ja die Autokorrektur, wenn es einmal wichtig wird.

Das als Katastrophe zu sehen ist sicherlich überzogen. Nicht einmal Johann Wolfgang von Goethe legte sonderlichen Wert auf die Rechtschreibung: „Mir, der ich selten selbst geschrieben, was ich zum Druck beförderte, und, weil ich diktirte, mich dazu verschiedener Hände bedienen mußte, war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig“, sagte der Schriftsteller einmal.

Allerdings muss man dazu sagen, dass es zu seiner Zeit noch gar keine einheitlichen Rechtschreibregeln gegeben hat. Die wahre, heilige Schreibung des Deutschen ist ein Mythos. Schiller und Goethe, Kleist und Fontane schrieben (oder diktierten) nach Belieben.

Der Sprachwissenschaftler Ernst sieht eine Hysterie aufgrund der Tendenz zu mehr Fehlern für überzogen: Man sollte die Schreibung nicht so emotional sehen, sagt er. Für die Funktion der Sprache sei es unwichtig, ob man Kaiser mit „ei“ oder mit „ai“ schreibe.

Allerdings sehen das nicht alle so liberal. Immer wieder berichten Arbeitgeber von mit Fehlern gespickten Bewerbungsschreiben, die nicht ernst genommen würden. Auch bei der Suche nach der Liebe kann schwache Orthografie zur Hürde werden. Auf Partnerbörsen wird darüber hitzig diskutiert. Beispiele gefällig? „Wenn jemand in einer Mail in fast jedem Satz einen Fehler macht, törnt mich das total ab und ich möchte die Person nicht näher kennenlernen.“ Oder: „Wenn ich eine Mail bekomme, in der es von Fehlern nur so wimmelt, sage ich immer gleich ab.“

 

Vieles ließe sich vermeiden

Die Frage der korrekten Rechtschreibung wird ganz offensichtlich sehr emotional gesehen. Für unser Gefühl sind Wort und Schreibung identisch – was tatsächlich nicht so ist. Was uns an gehäuften Fehlern abstößt, ist aber noch ein weiterer Umstand: Oft scheitern Schreiber nicht an Zeitnot oder an dem generellen Wissen, ob sie beim Schreiben Fehler machen. Vielen ist es schlicht vollkommen egal, ob sie korrekt schreiben oder nicht. Sie sind ihrem Schriftbild gegenüber ignorant.

Die gleichen Personen echauffieren sich aber sehr wohl darüber, wenn der Kellner im Café einen Marmeladefleck auf dem Hemd hat oder die Kollegin im Büro schlecht riecht. Dumme Fehler – vor allem, wenn sie gehäuft auftreten – lassen sich aber genau damit vergleichen. Es sind Patzer, die sich leicht vermeiden ließen. Zumindest solche wie der „Deppenapostroph“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.04.2015)