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Arbeitsmarkt: Die Mythen um ältere Arbeitslose

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THEMENBILD: ARBEITSMARKTSERVICE(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)
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Im März ist die Zahl der älteren Arbeitslosen um 16,2 Prozent auf 96.366 Personen gestiegen. Allerdings sind Jüngere doppelt so stark vom Arbeitsplatzverlust betroffen wie Ältere.

Wien. Zu Monatsbeginn gibt es immer das gleiche Ritual. Es werden neue, noch schlechtere Arbeitslosenzahlen veröffentlicht. Das AMS erwartet, dass die Arbeitslosenquote von derzeit 9,4Prozent bis 2018 auf zehn Prozent steigen wird. Daher fordern Gewerkschaften, dass ein Bonus-Malus-System eingeführt wird. Das bedeutet, dass Unternehmen, die eine bestimmte Quote an älteren Personen beschäftigen, belohnt werden. Alle Firmen, die keine oder zu wenige Ältere im Betrieb haben, sollen zur Kasse gebeten werden. Doch die Wirtschaft legt sich quer.

Im März 2015 gab es in Österreich 360.212 vorgemerkte Arbeitslose. Das sind um 12,9Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Hinzu kommen 68.307 Personen, die sich in Schulungen befinden. Faktum ist, dass sich die Zahl der älteren Arbeitslosen (ab 50 Jahren) um 16,2Prozent auf 96.366 Personen überdurchschnittlich stark erhöht hat. Doch im gleichen Zeitraum ist auch die Beschäftigung bei den über 50-Jährigen mit plus 49.000 Personen (oder 6,1Prozent) deutlich stärker gestiegen als die allgemeine Beschäftigung (plus 0,4Prozent). „Die Presse“ zeigt weitere Entwicklungen auf:

 

Wird AMS-System ausgenutzt?

• Der Ökonom Ulrich Schuh von Eco Austria hat die Arbeitslosenzahlen seit dem Jahr 1998 analysiert. Demnach steigt immer kurz vor dem jeweiligen Pensionsantritt die Arbeitslosenquote. Das lässt den Rückschluss zu, dass Unternehmen ältere Mitarbeiter kurz vor der Pensionierung kündigen. Für die Überbrückungszeit muss das AMS aufkommen. Zunächst wurden besonders viele 59-jährige Männer arbeitslos. Als dann der jeweilige Pensionsantritt gestiegen ist, traf es die 60-Jährigen. Heute ist die Arbeitslosenquote bei 62-jährigen Männern überdurchschnittlich hoch, so Schuh.

Eine ähnliche Entwicklung gibt es bei Frauen (siehe Grafik). „Das ist zwar legal, doch eine solche Entwicklung kann nicht im Sinne der Arbeitslosenunterstützung sein“, kritisiert der Ökonom. Um das zu ändern, hält er ein Bonus-Malus-System für sinnvoll.

• Jüngere sind wesentlich stärker vom Arbeitsplatzverlust betroffen als Ältere: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein 25-Jähriger gekündigt werde, sei doppelt so hoch wie bei einem über 50-Jährigen, sagt AMS-Vorstand Herbert Buchinger.

„Grundsätzlich schätzen die Unternehmen die Erfahrungen der Älteren“, sagt Buchinger. Auch sei es nicht so einfach, Ältere abzubauen, weil Betriebsräte und Gewerkschaften dann mit einem Aufstand drohen.

Werde ein 50-Jähriger abgebaut, dann geschehe dies laut Buchinger meist aus zwei Gründen: Der über 50-Jährige werde krank, er könne das Arbeitspensum nicht mehr bewältigen oder befinde sich in einem Burn-out. Der zweite Grund habe mit Umstrukturierungen zu tun. So wurden zuletzt in der Bankenbranche im Zuge von Golden Handshakes besonders viele ältere Arbeitnehmer abgebaut. Das könne mit einem Bonus-Malus-System vermutlich nicht verhindert werden, so Buchinger.

(C) DiePresse

Sind alte Beschäftigte zu teuer?

Wenn aber ein Älterer gekündigt wurde, ist es für ihn schwierig, wieder einen Job zu finden. Das Hauptproblem ist für das AMS weiterhin nicht in erster Linie die Generation 50 plus, sondern es sind die 15- bis 25-Jährigen, die über eine niedrige berufliche Qualifikation verfügen. Von den vorgemerkten Arbeitslosen haben 47Prozent nur einen Pflichtschulabschluss. Weitere 33Prozent verfügen über eine Lehrausbildung. Die wichtigste Maßnahme für das AMS ist es daher, die Qualifikation der jungen Erwachsenen zu erhöhen.

• Für die geringe Erwerbsbeteiligung der Älteren hat Franz Schellhorn von der Denkfabrik Agenda Austria drei weitere Erklärungen. Erstens: zu hohe Arbeitskosten am Ende der Beschäftigung. Fast nirgendwo steigen die Arbeitskosten gegen Ende des Erwerbslebens so stark an wie in Österreich. Hierzulande verdienen 55- bis 59-Jährige das 1,6-Fache dessen, was 25- bis 29-Jährige verdienen. In Deutschland ist es das 1,38-Fache, in Schweden das 1,26-Fache. Dabei handelt es sich um Bruttolöhne, nicht um Arbeitskosten. Inklusive Arbeitgeberbeiträge erhöhe sich der Abstand noch weiter. Zweitens besteht in Österreich ein zu hoher Anreiz, in Frühpension zu gehen. Und die dritte Erklärung ist das niedrige Frauenpensionsalter.

AUF EINEN BLICK

Auf dem österreichischen Arbeitsmarkt gibt es ein „verlorenes Jahrzehnt“. Seit 2011 steigen die Arbeitslosenzahlen kontinuierlich an. Dieser Trend wird sich laut AMS bis zum Jahr 2018 fortsetzen. Im März 2015 ist die Arbeitslosenquote im Jahresabstand um 0,9 Prozentpunkte auf 9,4Prozent gestiegen. Laut AMS dürfte die Quote bis 2018 auf zehn Prozent steigen und 2019 bei 9,9Prozent liegen. Ein Grund ist die Zuwanderung aus Osteuropa, wie „Die Presse“ zu Wochenbeginn berichtete.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2015)