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Die Verlierer der Sieger bekommen ihren Platz

Millionen in Kriegsgefangenschaft geratene Rotarmisten waren bis zum Untergang der UdSSR in der Sowjetgesellschaft stigmatisiert. Eine Ausstellung in Moskau nimmt sich nun ihres Schicksals an – ein Tabubruch.

Man sieht zweimal hin, um es zu glauben – im Zentrum von Moskau, in einem der Staatsarchive: eine Ausstellung über sowjetische Kriegsgefangene. Über Millionen Menschen, die es offiziell nicht gab, weil Rotarmisten nicht als Kriegsgefangene dem Feind in die Hände fallen und gar nicht für ihn arbeiten durften. Und nun diese offizielle Ausstellung: ein Bruch mit einem Tabu.

Programmatisch heißt es gleich beim Eingang in großen Lettern: „Die Schicksale dieser Menschen müssen endlich eines der allerwichtigsten Themen der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges werden, ihre Schicksale unbedingt ins historische Gedächtnis des Volkes Eingang finden (...) Sie gingen durch die Hölle der faschistischen Konzentrationslager. Am Leben geblieben, kehrten sie glücklich in die Heimat zurück, doch hier erwarteten sie neue Heimsuchungen.“

 

Stalins Schwarz-Weiß-Bild

Der Eingangstext deutet schon die ganze Tragweite des geschichtspolitischen Schwenks an. Es geht einerseits um die Akzeptanz und gesellschaftliche Rehabilitierung der ehemaligen Kriegsgefangenen in Russland, andererseits um die Anerkennung und Aufarbeitung ihres tragischen Schicksals, das sie nach ihrer Rückkehr in der Heimat erwartete.

Unter Stalin waren die Millionen sowjetischer Kriegsgefangener in deutscher Hand tabuisiert worden. Es galt das ungeschriebene Wort: Ein Rotarmist ist entweder ein lebendiger oder ein toter Sieger. Kriegsgefangene Rotarmisten hatten in diesem Schwarz-Weiß-Bild Stalins keinen Platz. So wurden die mindestens zwei Millionen 1945/46 in ihrer Heimat auch empfangen, getreu dem Berija-Ausspruch: „Die Heimat wartet auf euch, ihr Schurken!“ Sie waren die Verlierer, die Opfer zweier Diktaturen, wie Pavel Polian sie bezeichnet hat.

Alle durchliefen sogenannte Filtrationslager, sowjetische Einrichtungen, in denen die ehemaligen Kriegsgefangenen, Frauen und Männer, einer strengen Filtration (Auslese) unterworfen wurden: politisches Verhalten, Arbeitsfähigkeit, Verwandtschaft und Bekanntschaft zu Regimegegnern – alles Merkmale, die darüber entschieden, wo die Filtrierten die nächsten Jahre verbringen würden: im Gulag, in Strafkompanien, auf unwirtlichen Arbeitsplätzen in den Weiten Sibiriens, in den heißen Regionen Zentralasiens oder in ihren Heimatorten unter strenger Beobachtung, ohne die vollen Rechte eines sowjetischen Staatsbürgers, unter eingeschränkter Bewegungsfreiheit, mit Rückstufungen im beruflichen Fortkommen, mit Beschränkungen für Kinder und nahe Angehörige. Die Liste der administrativen Repressionen war lang. Von den etwa fünf Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand, wovon zehntausende auf österreichischem Gebiet, in der Landwirtschaft oder in der Industrie eingesetzt wurden, kamen rund zehn Prozent in Gulag-Lager und Gulag-Kolonien; etwa ebenso viele in unwirtliche, gefährliche Arbeitseinsätze im Bahn- und Hafenbau im hohen Norden oder in Mittelsibirien, zum Bau von Kraftwerken an Ob oder Jenissej.

Sie hatten die gefährlichen Abschnitte der Tunnelstrecken in Mittelsibirien zu bauen oder waren in den Wäldern der sibirischen Tundra unvorstellbaren Strapazen ausgesetzt. Zusammen mit den knapp drei Millionen Kriegsgefangenen aus Deutschland, Österreich, Ungarn, Japan und Rumänien steuerten sie zum ersten Nachkriegs-Fünfjahresplan der Sowjetunion mehr als 15Prozent bei.

 

Administrative Repressionen

Einige Prozent, vor allem Offiziere, kamen in Strafbataillone der Sowjetarmee und wurden dort zu gefährlichen Einsätzen und Experimenten herangezogen. Die Todesraten in diesen Einheiten waren besonders hoch. Die ehemaligen Kriegsgefangenen wiederum, die in ihre Heimatorte zurückkehren konnten, hatten die volle Wucht der administrativen Repression zu ertragen.

 

Jelzin beendete Schikanen

Noch während der Perestrojka und auch knapp danach war eine der wesentlichen Fragen zum Erhalt einer Auslandsreise jene nach dem Aufenthalt und dem Einsatz während des „Großen Vaterländischen Krieges“. Ehemalige Kriegsgefangene, aber auch Zwangsarbeiter, hatten lange Zeit keine Chance, positiv bewertet zu werden.

Erst Präsident Boris Jelzin hatte 50 Jahre nach Kriegsende die administrative Repression von den Betroffenen genommen. Nun konnten sich die einstigen Kriegsgefangenen in Vereinen organisieren. Freilich taten sie es noch sehr zögerlich. Sie gehörten eben nicht zu den Siegern, die man am 9.Mai bei den Siegesparaden am Roten Platz mit Orden behangen zeigte.

Sie waren Jahrzehnte hindurch Staatsbürger zweiter Klasse. Dieser Makel haftete ihnen im kollektiven, gesellschaftlichen Gedächtnis an. 1995 begegneten wir im Rahmen einer Tagung zum ersten Mal Wladimir Pereladow, Sprecher der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen des Bereiches Moskau. Gerade einmal 800 Personen von damals noch tausenden Lebenden hatten den Mut, dem Verein beizutreten, Erfahrungen untereinander auszutauschen, eine persönliche Aufarbeitung des eigenen Schicksals anzugehen. Die allermeisten sind mittlerweile gestorben.

Nun bricht die Ausstellung im ehemaligen Parteiarchiv der KPdSU mit diesem Tabu. Es ist ein hoffnungsvolles Zeichen, 70 Jahre nach Kriegsende, wenn am 9.Mai der „Helden“ gedacht und auch diesen „Helden des Krieges“, wie sie assoziativ auch in der Ausstellung genannt werden, nun der ihnen gebührende Platz in der sowjetischen Geschichte des Zweiten Weltkrieges zurückgegeben wird.

 

Ein einmaliges Projekt

Folgerichtig wird auch in der neu zu konzipierenden Geschichte Russlands, die unter Alexander Tschubarjan auch für die russischen Lehrbücher vorbereitet wird, dieses bisher tabuisierte Thema dargestellt werden.

Tatsächlich gibt es wohl kaum ein russisches Dorf, in dem nicht Menschen wohnten, die vor 70 Jahren in der „Hand des Feindes“ waren und deren Schicksal nach dem Krieg nur hinter vorgehaltener Hand tradiert wurde.

In Österreich werden, nicht zuletzt durch die Bemühungen des Schwarzen Kreuzes und des Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung, die Grablagen jener 90.000 sowjetischen Kriegstoten, von ehemaligen Soldaten, KZ-Opfern, Zwangsarbeitern und Zivilisten erhoben, die noch heute in österreichischer Erde bestattet sind. Ein einmaliges Projekt, europaweit.

Vielleicht hat gerade auch die wissenschaftliche Arbeit zu den österreichischen und deutschen Kriegsgefangenen, zu den sowjetischen Kriegsopfern und ihren Grablagen in Österreich und die gemeinsame Arbeit der österreichisch-russischen Historikerkommission einen Anteil an diesem unerwarteten geschichts- und gesellschaftspolitischen russischen Schwenk, auch die „Verlierer“ der Sieger stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner (geboren 1952 in St.Jakob/Ktn.) ist Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Uni Graz und Leiter des Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung, Graz-Wien-Raabs. Seit 1990 arbeitet er in russischen Archiven, u.a. zu Kriegsgefangenen und Zivilverurteilten. Zahlreiche Publikationen. [ Fabry ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2015)