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Festtage Berlin: Gidon Kremer mit Raritäten

(c) REUTERS (LASZLO BALOGH)
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Der junge russische Pianist Denis Kozhukhin sprang für Martha Argerich ein: ein sensibler Gestalter.

Gegen Absagen ist kein Veranstalter gefeit. Besonders schlimm ist es, wenn man Ersatz für selten auftretende Prominenz innerhalb bloß 48 Stunden finden muss, wie nun bei den Berliner Festtagen. Noch dazu für ein so raritätengesättigtes Programm, wie es Gidon Kremer und Martha Argerich in der Philharmonie vorhatten. Neben Beethovens G-Dur-Sonate Opus 30/3 und der César-Franck-Sonate wollten sie Mieczyslaw Weinbergs fünfte Violin-Klavier-Sonate, Kremer dessen 3. Violinsolosonate spielen.

Nicht überraschend, dass man schließlich nur Teile dieser ursprünglichen Zusammenstellung hören konnte. Welcher Pianist hat schon Weinberg-Sonaten im Programm? Vor allem, wen findet man so rasch, um mit einem Ausnahmekünstler wie Kremer aufzutreten, wenn dafür kaum Probezeit zur Verfügung steht? Die Antwort: den erst 28-jährigen russischen Pianisten Denis Kozhukhin. Vor fünf Jahren machte der Meisterschüler von Dmitri Bashkirow an der Madrider Reine-Sofia-Musikschule mit dem Sieg beim Brüsseler Königin-Elisabeth- Wettbewerb von sich reden. Schon 2003 gewann er den Ehrenpreis beim Verbier-Festival, war Gast bei Martha Argerichs Progetto in Lugano, seit Jahren eine Börse für junge, außerordentliche Talente.

 

Erstaunliche Reife

In Berlin präsentierte er sich als überaus sensibler Gestalter der Brahms-Fantasien Opus 116, deren herbstlichen Ton er mit einer für sein Alter schon erstaunlichen Reife traf. Wie groß seine Anspannung war, merkte man bloß beim ersten, etwas zu forsch angegangen Capriccio. Weniger wusste er mit dem Klavierpart der Franck-Sonate, dem einzigen Duostück, das von der ursprünglichen Programmidee übrig geblieben war, anzufangen. Da hätte man sich mehr Konturenschärfe und mitgestaltende Akzente sowie Freude an rauschender Brillanz gewünscht. Offensichtlich hinderte ihn der Respekt vor seiner anspruchsvollen Aufgabe, mehr aus sich herauszugehen. Aber allein neben Kremer, der einmal mehr alle Register seiner Phrasierungskunst und Artikulationsraffinesse zog, bestehen zu können, verlangt höchste Achtung ab.

Weinberg kam trotzdem zu Ehren: mit seiner siebenteiligen zweiten Violinsonate und der nach symphonischem Muster konzipierten, vier Abschnitte zu einem großflächigen Satz verbindenden späten dritten Sonate für Violine solo. Beides nicht nur technisch höchst anspruchsvolle, sondern nach einem ideenreichen Gestalter verlangende Stücke, bei denen Kremers interpretatorische Größe faszinierend zum Ausdruck kam.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2015)