Vor 200 Jahren: Vulkanausbruch führt zum "Jahr ohne Sommer"

200 Jahre nach dem Tambora kommt es beim indonesischen Vulkan Sinabung zu Eruptionen.
200 Jahre nach dem Tambora kommt es beim indonesischen Vulkan Sinabung zu Eruptionen.(c) Reuters

Vor 200 Jahren bricht der indonesische Vulkan Tambora aus. Ein Jahr später fällt in Europa der Sommer aus, Nordamerika versinkt im Schnee.

"Erster schöner Tag", schreibt Johann Wolfgang von Goethe am 29. Juni 1816 in sein Tagebuch. "Seit 14. Juny hat es alle Tage geregnet", verzeichnet auch ein Bauer Mitte Juli im Ort Dormagen in seiner Dorfchronik. Getreideernten fallen in dem Jahr katastrophal aus, Erdäpfel verfaulen im feuchten Boden. Hagel, Gewitter und fast täglich Regen suchen viele Regionen Kontinentaleuropas von Mai bis September heim. Später wird vom "Jahr ohne Sommer" die Rede sein. In Deutschland spricht man auch von "Achtzehnhundertunderfroren".

Der Sommer 1816 ist der zweitkälteste der nördlichen Hemisphäre seit 1400 - nur 1601 war es noch kälter. Besonders schlimm erwischt es die Schweiz. Im Juli schneit es bis in die Täler hinein. Ausgemergelte Menschen essen Tierkadaver, Hunde, Katzen und Schnecken. Kinder "weiden im Gras wie Schafe", berichten Zeitzeugen. Kinder werden getötet, bevor sie verhungern. Weil man sich das Phänomen nicht erklären kann, sprechen die Menschen von einer Gottesstrafe. Noch wissen sie nicht, dass es sich um ein globales Phänomen handelt.

In Indien fällt der Monsun aus

Denn auch in den USA und Kanada misst man mitten im Sommer 30 Zentimeter Schnee. "In den Dörfern Vermonts überlebten die Menschen nur durch den Verzehr von Igeln und gekochten Brennnesseln, während die Bauern im chinesischen Yunnan den weißen Lehmboden der Felder aßen", schreibt Gillen D'Arcy Wood in seinem Buch "Vulkanwinter 1816. Die Welt im Schatten des Tambora."

"Sommertouristen, die durch Frankreich reisten, hielten die vielen Bettler auf den Straßen für Heere auf dem Marsch", beschreibt Wood, der der erste ist, der die Auswirkungen auch in Asien zusammengetragen hat. So fällt in Indien 1816 das einzige Mal in der Geschichte der Monsun komplett aus. Die veränderten Klimabedingungen führen zur Mutation der Cholera-Bakterien. Bei einer ersten Pandemie sterben zwischen 1817 und 1824 allein in Indien hunderttausende Menschen.

Tagelange Dunkelheit

Heute weiß man, dass der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora ein Jahr zuvor - beginnend am 5. April 1815 - Ursache für diese Wetterphänomene war. Der Vulkanausbruch ist die größte beschriebene Eruption seit Beginn der Aufzeichnungen. Noch in 800 Kilometern Entfernung glaubt Thomas Raffles, der Gouverneur von Java, Kanonenschüsse zu hören. Die Eruptionen dauern mehr als eine Woche. Am 10. April nehmen sie dann noch einmal zu, ehe der Tambora nahezu explodiert und Gas, Gestein und Magma auswirft. Das Donnern ist bis zu 1800 Kilometer weit zu hören. Danach ist der Berg nur mehr halb so hoch wie zuvor.

Es folgt ein Ascheregen, dann zieht ein Wirbelsturm auf, der laut "Zeit" im Dorf Sang'ir "fast jedes Haus zerstörte, die stärksten Bäume an ihren Wurzeln ausriss und fortwirbelte, zusammen mit Menschen, Pferden, Rindern und was immer in seine Bahn kam." Bis zum 15. Juli hören die Explosionen nicht auf. Zwischen 10.000 und 12.000 Menschen sterben an den direkten Folgen des Vulkanausbruchs. Gas und Asche werden bis auf eine Höhe von über 40 Kilometern geschleudert. Die Gegend rund um Tambora liegt tagelang in vollkommener Dunkelheit. Durch die folgenden Flutwellen und Hungersnöte sterben weitere bis zu 100.000 Menschen.

Vulkanexplosivitätsindex

Wissenschafter haben einen Vulkanexplosivitätsindex entwickelt, um die Gewalt von Vulkanausbrüchen messen zu können. Der Index umfasst neun Stufen (0-8), wobei die Erhöhung um eine Stufe einer Verzehnfachung der Ausbruchsstärke entspricht. Vulkanausbrüche in der maximalen Stärke von 8 ereignen sich nur in Zeitabständen von mehr als 10.000 Jahren.

Bislang wurden nur zwei Vulkanausbrüche dieser Stärke gemessen, beide in prähistorischer Zeit: Der Ausbruch des neuseeländischen Taupo vor 26.500 Jahren und der Ausbruch des Toba vor 75.000 Jahren, der beinahe zum Aussterben der menschlichen Rasse führte.

Der Ausbruch des isländischen Eyjafjallajökull, der zu erheblichen Turbulenzen im europäischen Flugverkehr führte, hatte eine Stärke von Vier. Der Ausbruch des Vesuvs in der Antike erreichte demnach eine Stärke von Fünf, der von Krakatau 1883 eine Sechs. Dem Tambora wird als einem von fünf Ausbrüchen der Indexwert Sieben zugeordnet.

Die farbenprächtigen Sonnenuntergänge

Zu dem wenigen Guten, dass der Ausbruch des Tambora hervorbringt, zählen die farbprächtigen Sonnenuntergänge. Vulkanische Aerosole umkreisen die ganze Erde und lenken einen Teil der Sonnenstrahlen ab, sodass sich das Farbspektrum verändert. Die weltberühmten Abendstimmungen des englischen Landschaftsmalers William Turner sind auf den Ausbruch des Tambora zurückzuführen, ebenso die Malereien von Caspar David Friedrich. Auch die Entwicklung der Draisine und des Fahrrades dürfte auf den dramatischen Rückgang der Pferdepopulation in Europa - viele Tiere verendeten - in Folge des Vulkanausbruch zurückzuführen sein.

Die durch die Schweiz reisende Schriftstellerin Mary Shelley wird durch das Weltuntergangswetter zu "Frankenstein" inspiriert. Lord Byron, der mit Shelley reist, fasst seine Erfahrungen in dem Gedicht "Finsternis" zusammen:

"Die Menschen, grausend in der kalten Öde,
Vergaßen ihre Leidenschaften, schrien
Nach Licht, selbstsüchtig betend..."

Literaturtipp: Gillen D'Arcy Wood: "Vulkanwinter 1816. Die Welt im Schatten des Tambora", 368 Seiten, Theiss-Verlag.