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Nichts ist beständig wie der Wandel

Im oberösterreichischen Gallneukirchen wurden Kirche und Pfarrhof von Herbert Schrattenecker einer radikal-behutsamen Restaurierung unterzogen. Ergebnis: ein Ort mild gestimmter Ruhe, an dem weder Zeitgeist noch Mode eine Rolle spielt.

Seit Jahrhunderten stehen die katholische Kirche und der dazugehörende Pfarrhof im Zentrum von Gallneukirchen. Daran hat weder das rasche Anwachsen der ehemaligen, zur Stadt erhobenen, Marktgemeinde im Speckgürtel von Linz etwas geändert noch der gesellschaftliche Bedeutungswandel, den Religion seit der Entstehung von Ort und Pfarrgemeinde zweifellos erfahren hat. Dieser hat die Pfarre – sie ist mit ihren etwa 12.000 Seelen immerhin die größte der Diözese Linz – nicht daran gehindert, ihre uralte Verantwortung für die Gemeinschaft wahrzunehmen. Nach der 2007 abgeschlossenen Kirchenrenovierung hat sie eine umfassende Sanierung des Pfarrhofes in Angriff genommen, die den öffentlichen Raum Gallneukirchens nun entschieden bereichert.

Beide Maßnahmen hat der aus Oberösterreich gebürtige und in Wien ansässige Architekt Herbert Schrattenecker geplant. Wüsste man nicht, wie radikal manche seiner Eingriffe waren, man könnte annehmen, Kirche und Pfarrhof wären immer schon so selbstverständlich Stirn an Stirn in leichtem Winkel zueinander gestanden, die südliche Kante eines annähernd dreieckigen Platzes flankierend, dessen Westseite das Rathaus säumt. Tatsächlich hat es an dieser Stelle niemals einen Platz gegeben. Historische Beschreibungen erzählen von Gräben, Stegen, Friedhofsmauern und hölzernen Verbindungsgängen; aber auch von den Schweine-, Kuh- und Pferdeställen des Pfarrhofes, die das Erscheinungsbild des Ortes prägten.

Schon mit der Renovierung der Kirche hat Herbert Schrattenecker die ersten Maßnahmen gesetzt, diese – durchaus physisch – besser zugänglich zu machen. Doch erst durch den Rückbau des über eine Vielzahl baulicher Anläufe entstandenen Pfarrhof-Konglomerates in ein gut proportioniertes und außen wie innen leicht lesbares Gebäude hat die Kirche ein Vis-à-vis bekommen, das ihrem Haupteingang an der Westseite den notwendigen (Außen-)raum lässt. Bereits im ersten Bauabschnitt konnte Herbert Schrattenecker die unbefriedigende Eingangssituation der Kirche durch den Abbruch der beiden massiven Stiegenhäuser zur Empore an der Westfassade deutlich verbessern. Diese Maßnahme ermöglichte die Anordnung zweier zusätzlicher Eingänge, die das große Tor in ihre Mitte nehmen. Ein weit ausladendes Vordach – als Tragwerk raffiniert mit der zweiten Empore verbunden und gekonnt unspektakulär in seiner Anmutung – beschirmt alle drei Zugänge und verleiht so wesentlichen Vorgängen wie dem Sich-Versammeln und dem Noch-Verweilen räumlichen Ausdruck.

Auch das Innere der in ihrem Ursprung mittelalterlichen Kirche entspricht nun wieder den Intentionen und Anforderungen des Gottesdienstes. Nach dem teilweisen Rückbau der ersten und der konstruktiven Erneuerung der zweiten Empore, dem Öffnen der vermauerten Obergaden an der Nordseite, einer behutsamen Neuordnung von Emporenzugängen, Bankreihen, Altarraum und Taufort; kurzum: Kraft einer gründlichen, nicht zuletzt der Einbindung in das hügelige Gelände gewidmeten Überarbeitung ist die Pfarrkirche ein barrierefrei zugänglicher, in unterschiedlichen Konstellationen nutzbarer Ort geworden, in dessen mild gestimmter Ruhe weder Zeitgeist noch Mode eine Rolle spielen.

Der Wandel des Pfarrhofes vom vorwiegend landwirtschaftlich geprägten Gehöft mit angeschlossenen Wohnräumen zu einem Pfarrzentrum mit all seinen organisatorischen und seelsorgerischen Aufgaben ist bis vor Kurzem wohl ohne rechte Betrachtung der Wechselwirkungen zwischen Nutzung, Erscheinung und Bedeutung vor sich gegangen. Umso größer muss die Versuchung gewesen sein, hier Polaritäten wie alt/neu oder historisch/zukunftsweisend in eindrucksvollen Kontrast zueinander stellend gehörig auszukosten. Herbert Schrattenecker aber ist offensichtlich an der Wirksamkeit seiner Maßnahmen interessiert, nicht an ihrer – vorzugsweise verblüffenden – Wirkung. So war ihm bei der Sanierung des Pfarrhofes etwa das Schaffen von Öffnungen in den dicken Wänden des Hauptstiegenhauses ein wichtiges Anliegen. Tatsächlich haben diese den Weg durch das Gebäude mit Tageslicht erhellt und die Orientierung im Haus deutlich leichter gemacht. Ohne Kenntnis der beengten und düsteren Vergangenheit geht der Eingriff in einem über die Jahrhunderte scheinbar organisch gewachsenen Ganzen jedoch auf. Mit welchem Aufwand an Einfühlungs-, Vorstellungs- und nicht zuletzt Überzeugungsvermögen das heute so selbstverständlich scheinende Ergebnis erzielt worden ist, bleibt unsichtbar. Mit der Erinnerung an das Vorher wird das Bewusstsein für diese Leistung schnell verblassen.

Im Leben der Pfarre allerdings, deren kulturelles Engagement als Bauherrschaft an dieser Stelle hervorgehoben werden soll, ist der Wandel zum Besseren täglich unmittelbar präsent: Fundamente, erdberührte Böden und aufgehende Mauern wurden trockengelegt, eine höherwertige Nutzung der zum Teil aus dem Mittelalter stammenden Räume des untersten Geschoßes somit möglich. Sämtliche Fenster wurden durch dreifach verglaste Kastenfenster ersetzt. Eine innen liegende, mineralische Dämmung der Außenwände schont die denkmalgeschützte Fassade. Geheizt wird mit Erdwärme, nicht mehr mit Öl. Die Wohnungen für Pfarrer und Kaplan wurden auf zeitgemäßen Stand gebracht. Sie sind nun, wie alle anderen Bereiche des Pfarrzentrums – der Mehrzwecksaal, die Büros und auch die verschiedenen Gruppenräume – ohne gegenseitige Störung unabhängig voneinander zugänglich. Nach Einebnung der Niveausprünge innerhalb der Geschoße erschließt überdies ein Aufzug die drei Ebenen des Pfarrzentrums barrierefrei.

An der Nordseite des Bestandes hat Herbert Schrattenecker einen Teil der überlieferten Bausubstanz abgetragen. Dies und die Errichtung eines einheitlichen Daches mit durchgehender Traufe haben aus dem Vorgefundenen einen klaren Körper geformt. Der Haupteingang des Pfarrzentrums liegt, wahlweise über eine Rampe oder eine Stiege vom neuen Platz im Norden her erschlossen und somit zeichenhaft hervorgehoben, in einem schmalen Zubau. Dieser antwortet mit seiner Struktur von Pfeilern und Balken auf das gotische Strebewerk der Kirche, deren Flucht er mit seiner Nordostecke übernimmt. Durch die sorgfältig detaillierte Dachentwässerung vom Bestand getrennt, ist er deutlich als Zubau erkennbar. Doch gerade für diesen einzigen neuen Trakt hat Herbert Schrattenecker alte Ziegel und behauene, aus dem Abbruch des Pfarrhofes gewonnene Steine als Mauermaterial gewählt. Die hier eingesetzte, Jahrhunderte alte, Handwerkskunst und das historische Baumaterial wirken in Kombination mit den Überlagen aus eingefärbtem Sichtbeton und den Eichenholz-Schiebeläden der Fenster wie die Zusammenfassung einer Botschaft: Tradition und Innovation ermöglichen, klug in Zusammenklang gebracht, Qualität ohne Ablaufdatum. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2015)