Wissen, was einem guttut

Blonde Zwillinge mit Obstsalat und Loeffel
Blonde Zwillinge mit Obstsalat und Loeffelwww.BilderBox.com
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Nach der Fastenzeit kommt die Völlerei? Das muss nicht sein, sagt Marlies Gruber. Genuss habe nämlich nichts mit maßlosem Konsum zu tun.

Vielleicht ist es so schwer, den Begriff Genuss zu umschreiben, weil er für jeden Menschen etwas anderes bedeutet. Was dem einen ein frisches Butterbrot mit Salz und Kresse bedeutet, ist für den anderen erst beim Verzehr eines Fünfgangmenüs im Haubenlokal erfüllt. Händels „Messiah“-Oratorium reicht dem einen im Ohrensessel und bei einer Tasse Tee, die nächste braucht da schon die Choraufführung in der Barockbasilika, um Begeisterung zu spüren.

Egal, wie unterschiedlich die Wege sind, durch die wir Genuss erlangen – er löst am Ende bei allen dasselbe aus: „Eine positive Sinnesempfindung, die mit körperlichem und geistigem Wohlbefinden einhergeht“, sagt Marlies Gruber. Die gebürtige Oberösterreicherin hat von Berufs wegen viel mit Genuss zu tun. Als studierte Ernährungswissenschaftlerin leitet sie den 1991 gegründeten Wiener Verein „Forum Ernährung heute“, der sich als Schnittstelle zwischen der Wissenschaft und der Bevölkerung sieht und über Ernährung, Bewegung und Lebensstile informieren will. Seit 2009 gibt er außerdem das „Genussbarometer“ heraus. Dafür wurden 2000 Personen zwischen 14 und 69 Jahren befragt– und es stellte sich heraus, dass die Österreicher Genusszweifler sind: Sie genießen eigentlich gern, dies aber mit schlechtem Gewissen. Genau da will Gruber mit ihrem Buch „Mut zum Genuss“ einhaken, das sie soeben – pünktlich zum Ende der Fastenzeit – veröffentlicht hat.

Gegen die Verbotskultur

Das Buch reiht sich nämlich nahtlos in jene Publikationen ein, die der ihrer Meinung nach sich ausbreitenden Verzichts- und Verbotskultur etwas entgegensetzen wollen. So will auch Gruber mit dem Mythos aufräumen, dass genussvolles Leben automatisch dick oder krank macht. Im Gegenteil, wer Genuss richtig in den Alltag integrieren könne, der habe bessere Chancen, ein Normalgewicht zu erreichen, sagt sie. Auch das Genussbarometer habe gezeigt, dass Menschen, die sich als Genießer bezeichnen, seltener Diäten machen. Wie das gehen soll, dieses maßvolle Genusshalten, erklärt Gruber in ihrem Buch anhand wissenschaftlicher Studien und mit Trainingsaufgaben für den Alltag (z.B. einzelne Speisen langsam im Mund ertasten und erleben, wie sich dies anfühlt und schmeckt, Geräusche erraten, angenehme Eindrücke sammeln). „Genuss hat nie etwas mit maßlosem Konsum zu tun“, erklärt Gruber. Das sei aber immer noch ein weit verbreiteter Glaube. Genuss ist für Gruber auch nicht automatischer Gegensatz zum Fasten. Denn man könne, selbst wenn man eine Weile auf Zucker, Fleisch, Getreide oder Alkohol verzichte, in dieser Zeit durch andere Lebensmittel oder ganz bestimmte Momente Genuss erlauben. Das lässt sich etwa auch bei saisonalen Lebensmitteln erkennen: Wir freuen uns gerade jetzt wieder besonders auf die Spargel- oder Erdbeerzeit, weil wir diese Lebensmittel in der Regel im Rest des Jahres nicht konsumieren. Genuss hat also auch etwas mit Wartenkönnen zu tun – und somit mehr mit Disziplin als mit Völlerei.

Sich selbst gut kennen

Eine wichtige Sache brauche es, um Genuss erleben zu können, sagt Marlies Gruber: „Man muss sich selbst gut kennen und wissen, was einem guttut.“ Der größte Feind des Genusses ist der Stress. So gaben 43Prozent der Befragten im Rahmen des Genussbarometers an, dass ihnen Hektik die Freude am Essen nehme, weitere 31 Prozent sahen Zeitmangel als echten Genusskiller.

Noch weniger Zeit für das Genießen als die Österreicher nehmen sich die Deutschen – wenn sie es tun, dann aber mit weniger schlechtem Gewissen. In einer Studie des Marktforschungs- und Beratungsinstituts Rheingold sagten 46 Prozent der Befragten, dass es ihnen aufgrund von Stress und dem Gefühl ständiger Erreichbarkeit immer weniger gelingt, etwas zu genießen. „Den Deutschen fehlt offenbar die Muße für den Genuss“, schrieb der „Spiegel“ im Jahr 2012.

Angesichts der Flut diverser Genussstudien lässt sich allerdings auch hinterfragen, wieso das genussvolle Leben so besonders propagiert wird – und ob damit nicht ein wenig übertrieben wird. Fest steht, dass das Genießen immer leichter wird, dies vor allem, weil es der materielle Wohlstand unserer Zeit mehr erlaubt. Wobei Marlies Gruber verneint, dass es das Streben nach Genuss nicht auch schon früher gegeben habe. „Aber früher hieß Genuss schon allein, satt zu werden.“ In den Kriegs- und Wiederaufbaujahren der 1940er- und 1950er-Jahre war es nicht erstrebenswert, sich regelmäßig einen ganz besonderen Genuss zu gönnen. Umgekehrt müssen wir heute lernen, mit dem Überangebot und der Fülle an Waren umzugehen.

Und was bedeutet Genuss für die Ernährungsexpertin persönlich? Sie sagt: „Ich versuche, mir tagtäglich etwas Gutes zu tun.“ Das könne eine Tasse Tee sein oder eine Viertelstunde in der Sonne sitzen, ein Spaziergang durch die Winterlandschaft. „Ich achte darauf, ein bis zwei Genusserlebnisse in den Tag einzubauen.“ Essen war in ihrer Familie immer ein sehr großes Thema, weshalb sie sich schließlich auch für das Studium der Ernährungswissenschaften entschied. Sie plädiert in ihrem Buch dafür, ein unverkrampftes Verhältnis zum Essen zu entwickeln, nicht zu viel auf die unzähligen Ratschläge rund um Ernährung und gesunde Lebensweisen und stattdessen mehr auf sich selbst zu hören: Wann habe ich Hunger? Wann habe ich Durst? Was tut mir gut, was nicht?

Genuss als Therapie

Genusstraining wird mittlerweile übrigens auch bei einer Reihe von Erkrankungen angewendet, bei Alkoholabhängigkeit ebenso wie bei Ess- und Schmerzstörungen oder Erschöpfungssyndromen. Dies auch deshalb, weil es dabei hilft, sich in der Selbstfürsorge zu üben. Nicht umsonst heißt es landläufig auch schon bei Alltagsverstimmungen wie Liebeskummer oder anderen großen Enttäuschungen im Leben, man solle sich etwas Gutes tun und auf sich schauen. Wer das früh genug lernt, kann auch mit Entbehrungen besser umgehen. Übrigens, die zweite Welle des Genussbarometers, für die im Vorjahr 60- bis 70-Jährige befragt wurden, ergab eines eindeutig: Genießen wird mit dem Älterwerden offenbar leichter. Vielleicht weil das schlechte Gewissen weniger wird.

Info

Marlies Gruberleitet das „Forum Ernährung heute“ und hat soeben das Buch „Mut zum Genuss. Warum uns das gute Leben glücklich macht“ (Edition a) herausgegeben.
Weitere Infos unter:
www.forum-ernaehrung.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2015)

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