Wenn die Angst vor dem Tod beim Leben hilft

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Patient auf der Intensivstation eines Krankenhauses(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

Eine Krebsdiagnose, ein Unfall, ein Herzinfarkt: Manchmal wird der Tod sehr schnell sehr real. Wer überlebt, ist oft nicht mehr der Gleiche: was Menschen ändern, wenn sie ein zweites Leben beginnen.

Es trifft einen immer unvorbereitet. Man ist voll mit seinem Leben beschäftigt, und plötzlich ist da das andere Auto. Bleibt das Herz stehen. Sagt der Arzt, man hat Krebs. Von einer Sekunde zur anderen verschiebt sich die Realität. Man gehört nicht mehr zur sicheren Gruppe jener, für die der Tod etwas Abstraktes, Fernes ist. Sondern zu den einsamen Einzelnen, die sich bewusst sind: Jede Minute ist wertvoll, denn vielleicht bin ich bald nicht mehr da.

Das Bewusstsein der eigenen physischen Endlichkeit, das Herzklopfen, die Panik: Ist das etwas, das man auch nützen kann? Menschen, die viel mit Sterbenden zu tun haben, sagen, dass sie wacher leben. Auch an Betroffenen geht eine Erkrankung, ein Einschnitt nicht spurlos vorbei. „Man hinterfragt in so einer Situation sein Leben“, sagt Autor Thomas Hartl, der gerade ein Buch über „Krebs als Chance zur Veränderung“ herausgebracht hat. „Oft meint man, Schuldige zu finden: den jahrelangen Stress, den unliebsamen Partner, den fürchterlichen Job.“

Die Veränderung kommt meistens leise, nicht als Paukenschlag. „Es sind die kleinen Dinge, die man für sich selbst macht“, sagt Hartl. „Man schaut mehr auf sich. Was tut mir gut? Viele lernen erst jetzt, Nein zu sagen zu überzogenen Bedürfnissen der anderen.“ Das soziale Umfeld wundert sich dann oft. Manchen gefalle der neue Mensch nicht mehr so gut, der so vermeintlich egoistisch geworden ist. Schlechte Freundschaften lösen sich auf. „Sie wissen jetzt von der Endlichkeit des Lebens und haben keine Lust mehr auf versteckte Spielchen, Manipulationen, das Warten auf das große Glück.“

Die Krise, sagt Hartl, sei ein Katalysator. „Ich denke, man hat nun die Chance, die Person zu werden, die man schon längst sein wollte, aber sich nie getraut hat zu sein.“ Viele, sagt Hartl, werden auch dankbarer: für Kleinigkeiten, einen schönen Augenblick.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2015)