Nach dem Krebs kam das bessere Leben

THEMENBILD: MAMMOGRAFIE / BRUSTKREBSVORSORGE / ROeNTGEN
Symbolbild MammografieAPA/BARBARA GINDL

Es sei die schlimmste, aber auch die beste Zeit ihres Lebens gewesen, sagt die eine. Es hätte ihr nichts Besseres passieren können, die andere. Wie zwei Patientinnen mit ihrer Krankheit umgehen.

„Es war die schlimmste, aber auch die beste Zeit meines Lebens.“ Andrea Nicolaus überlegt lang, ehe sie weiterspricht. Wenn sie dann erzählt, wie die Diagnose Brustkrebs ihr Leben verändert hat, überwiegt aber eine heitere Gelassenheit. Natürlich war da der erste Gedanke „Scheiße!“. Und gleich danach die Frage „Warum ich?“ Doch schon kurz danach war ihr klar, dass sie nun schauen musste, wie sie mit der Diagnose zurande kommt. Nur nicht in Panik verfallen, nur nicht verzweifeln. Sondern einfach tun, was notwendig ist. Als studierte Medizinerin war das eine klassische schulmedizinische Behandlung: Operation, Chemotherapie, Bestrahlung. Natürlich sei das nicht angenehm gewesen. „Diese flaue Übelkeit, der Haarverlust – der ganze Körper verändert sich physiologisch komplett.“ Dass sie selbst Ärztin war, machte die Sache auch nicht leichter – sie empfand es eher als Makel, wenn sie einem Arzt gegenübersaß, der wusste, dass er mit einer Kollegin sprach. „In dem Augenblick ist man ein ganz normaler Patient, der genauso Angst hat und Fragen stellt.“


Sorgen nützen nichts

Es gab natürlich viele gute Ratschläge von Freunden und Bekannten. Aufmunternde Worte, dass sie positiv denken müsse. Doch sie beschloss, selbst den Takt und die Richtung vorzugeben. „Sorgen nützen mir nichts, sie bringen mich nicht weiter. Dramatisch ausgedrückt: Es war mein Kampf, dabei kann mir keiner helfen.“ So kämpfte sie, durchlitt die Therapie – und irgendwann hatte sie es geschafft. Und das Ende der Krankheit markierte für sie den Beginn eines neuen Lebens. Denn in dieser harten Zeit hatte sich die gebürtige Kärntnerin viel mit sich selbst beschäftigt. „Das macht einem schon den Blick auf das eigene Leben klarer.“ Banalitäten, über die sie sich früher aufgeregt hätte, waren plötzlich unwichtig.

Das Leben danach – da kommt schnell der Gedanke, dass man nun kürzertreten muss. Doch das sieht Nicolaus ganz und gar nicht so: „Mein Tagesablauf hat sich überhaupt nicht geändert, ich arbeite nach wie vor viel zu viel.“ Aber all die Sorgen, die sie früher vielleicht in die Verzweiflung gestürzt hätten, nimmt sie nun nicht mehr so wichtig. Wenn sie Lust hat, um zwölf Uhr aus dem Büro zu gehen, macht sie das einfach. Und wenn sie bis drei Uhr morgens arbeiten will, ist das genauso okay. „Es war immer mein Wunsch, das Jetzt genießen zu können, ich habe mich aber immer von Dingen, die die Zukunft betreffen, einfangen lassen. Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, kann ich mich in diesem Augenblick darüber freuen.“ Es mag paradox scheinen – aber für Andrea Nicolaus hat die Krankheit viel Positives bewirkt. Auch wenn sie über die Erfahrungen damit sagt: „Ich wünsche es niemandem.“

Ingrid Poxleitner aus Kirchdorf an der Krems hat eine ähnliche Erfahrung gemacht. Auch sie blickt heute positiv auf ihre Erkrankung zurück: „Nichts Besseres hätte mir passieren können“, sagt sie. „Ich weiß, es hört sich komisch an, aber es ist so.“ Als Poxleitner 2008 die Diagnose Brustkrebs bekam, dachte sie zuerst: „Das war's.“ Krebs und Sterben, das war für sie seit Jahrzehnten die Assoziation. „Ich hatte mich mit dem Thema ja nie auseinandergesetzt.“ Als ihr wenig später der Arzt noch einmal die genaue Lage erklärte – ein kleiner Tumor, keine Metastasen – war die Angst weg. Und nach der Operation die Zurückhaltung, die ein Leben lang all das, was sie sagen wollte, nicht über ihre Lippen kommen ließ. „Nach der Operation habe ich mir gedacht: Ich muss mein Leben ändern. Ich will nicht mehr das Duckmauserl sein.“

Poxleitner änderte ihre Einstellung zum Leben schnell und radikal. Als sie im Rahmen der Behandlung die Möglichkeit eines Besuchs bei einer Psychotherapeutin bekam, konnte diese nur staunen – und um ein Treffen nach dem Ende der Therapie bitten, „um zu sehen, ob ich dann immer noch so denke“. Poxleitner will heute nicht sagen, dass ihr altes Leben schlecht gewesen wäre. Aber unglücklich war sie immer. „Ich bin so aufgewachsen: Der Mann geht arbeiten, die Frau bleibt zu Hause.“ Nie habe sie sich widersprechen getraut, nie eine eigene Meinung geäußert – wie die eigene Mutter, damals, auf dem Land (ihr Vater hat getrunken und zugeschlagen). „Innerlich wollte ich vieles nicht, aber ich habe nie etwas gesagt.“

Heute kann sie über alles sprechen. Und sie ist immer noch für alle da – aber auch für sich. Sie passt gern auf ihre Enkelkinder auf, hilft anderen. „Aber wenn ich schon etwas vorhabe, sage ich auch einmal Nein. Das hätte ich früher nie.“ Vor allem die Enkelkinder sind es, die ihr Energie geben. Von der bevorstehenden Geburt ihres ersten Enkelkindes hatte sie kurz nach der Diagnose erfahren, die Nachricht hatte sie motiviert. „Ich wollte sie aufwachsen sehen, verwöhnen. Eine gute Oma sein, so wie ich mir eine Oma immer vorgestellt hab.“ Von Kinderlachen, einem Lächeln zehrt sie heute lang. „Früher hab ich das gar nicht gesehen. Oder wollte es nicht sehen.“


Früher habe ich mich nicht gemocht

Inzwischen hat sie eine zweite Operation hinter sich, auch rechts war ein Knoten entdeckt worden, die Brust musste abgenommen werden. Seit Herbst ist die 60-Jährige in Pension. Sie wandert, genießt das Leben, hakt Punkte von ihrer neuen Wunschliste ab. Bei Mondschein spazieren gehen, mit dem Riesenrad fahren. Venedig hat sie gesehen, es war nicht so schön wie im Traum. Bedurfte es wirklich der Krankheit, um umzuschalten? „Helfen“, sagt Poxleitner, „hätte mir jedenfalls keiner können. Es hat ja keiner gewusst, wie es in mir ausschaut.“

Ihre Veränderung wurde auch sichtbar: Nach der Chemotherapie kehrte sie nicht mehr zu ihrem Pagenkopf zurück, trägt ihre Haare heute kurz, kleidet sich statt in Grau und Schwarz in frischen Farben. „Früher habe ich mich nicht gemocht. Heute schon. Manchmal stelle ich mich vor den Spiegel und sage: ,Du bist eigentlich noch ganz fesch.‘“ Alle, die sie von früher kennen, erzählt Poxleitner, sagen ihr, sie sei nicht mehr die, die sie einmal war. Ihre Antwort: „Gott sei Dank.“

Zum Buch

„Lebe! Diagnose Krebs als Chance zur Veränderung“
Manche Menschen, sagt Autor Thomas Hartl, empfinden eine Krebsdiagnose als Wink mit dem Zaunpfahl. Mit 24Betroffenen hat er gesprochen, hat erkundet, wie es ihnen nach der Diagnose geht. Eine Erkrankung sei eine Chance – aber wohlgemerkt kein Muss. Es dürfe daraus „kein Zwang entstehen, alles umzukrempeln, keine Idealisierung eines Neuanfangs“.

Thomas Hartl ist Schriftsteller und Gesundheitsjournalist. „Lebe!“ erschien im Ueberreuter-Verlag. 208 Seiten, 19,99 Euro. Informationen: www.thomashartl.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2015)