Philippe Jordan und die Wiener Symphoniker ließen bei „Frühling in Wien“ mit Matthias Goerne im Musikverein vergessene Konzerttraditionen wieder aufleben.
Es sind eherne Gesetze, die jedem Neuling schon vor dem ersten Betreten des Konzertsaals verkündigt werden: Zwischen den Sätzen einer Symphonie wird nicht applaudiert. Überhaupt hat der Konsum von sogenannter klassischer Musik stets etwas mit einem Hochamt zu tun.
Die Wahrheit ist: Das sind Verhaltensmaßregeln, die sich – durchaus auch aus guten Gründen – in der Zeit um 1900 herausgebildet haben. Für uns sind sie sakrosankt. Hätten sich freilich die Zeitgenossen eines Joseph Haydn schon daran gehalten, wir hätten nie etwas davon gehört, dass Symphoniesätze anlässlich ihrer Uraufführung in London oder Paris wegen des heftigen Applauses wiederholt werden mussten.
Noch ein Johannes Brahms wurde im goldenen Saal des Wiener Musikvereins nach jedem einzelnen Satz seiner Vierten Symphonie wiederholt zum Verbeugen gezwungen. Ebendort bat Philippe Jordan kraft seines Amtes als Chefdirigent der Wiener Symphoniker zu einer „Schubertiade“ – und servierte die Dritte Symphonie Schuberts häppchenweise, unterbrochen durch Ballettmusiken und Liedarrangements, gesungen von Matthias Goerne.
So war das, wenn auch nicht in so prachtvollem Rahmen (denn den gab es damals noch gar nicht), auch zu Schuberts Zeiten. Man präsentierte die neueste Produktion und einige lieb gewordene ältere Stücke in loser Folge.
Auf den Spuren von Strauß
Genau genommen steht ja Johann Strauß Vater, der Klassisches auf diese Weise mit Walzern und Polkas, die im zweiten Programmteil erklangen, bunt vermischte, am Anfang der symphonischen Konzerttradition. Aber Schubert bat zur selben Zeit im intimeren Rahmen zu „Schubertiaden“. Eine solche zu rekonstruieren bringt eine Ahnung von der Unmittelbarkeit zurück, mit der sich die Zeitgenossen der Klassiker und Romantiker der Musik hingaben. Dafür ist Jordan, den Symphonikern und dem wunderbaren Matthias Goerne zu danken, die zwischen den vielen freundlichen Appläusen freilich ganz bei der Sache waren: Goerne sang einige Schubert-Lieder (mehrheitlich in exzellenten, feinsinnig orchestrierten Versionen von Alexander Schmalcz) mit sonorer, herrlich ebenmäßig durch alle Register geführter Stimme.
Und die Symphoniker demonstrierten, wie rhythmisch brisant (vor allem im Finale der Dritten), aber auch wie behutsam und zart besaitet sie ihren Schubert musizieren können, wenn ein Maestro ihnen nur Zeit zum Atmen lässt und garantiert, dass man im Flug zwischen den frei ausschwingenden Soli die Übersicht über das Ganze nie verliert; auch nicht über die vier, über den ganzen Abend verstreuten Symphonie-Sätze, versteht sich – der charmanteste Beitrag zum Schubert-Zyklus, den Jordan sich für seine erste Wiener Spielzeit vorgenommen hat.
Auf 3sat: 12. April, 20.15 Uhr
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2015)