„Le Cid“: Ein seltener Massenet in Paris

(c) Agathe Poupeney
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„Le Cid“, tönende spanische Geschichte, kennt man nur dank einer großen Tenor-Arie. Roberto Alagna hat Lust, diese mit der ganzen Oper drumherum zu singen.

Jules Massenet hat uns einige echte Repertoire-Opern hinterlassen, die in allen Spielplänen immer wieder auftauchen. Dann einige Werke, die nur Fachleute kennen. Aber auch Stücke, von denen Opernfreunden zwar der Titel geläufig ist, die aber trotzdem vergleichsweise selten aufgeführt werden. Zu Letzteren gehört der „Cid“, in dem sich eine wunderbare Tenorarie findet, ein Gebet, das für Stimmen im Übergang zwischen lyrischem und heldischerem Fach ideal geeignet ist.

„O Souverain“ ist daher ein beliebtes Vehikel tenoraler Selbstdarstellung bei Arienabenden. Im Verband einer Opernaufführung, in diesem Fall dann samt den dazugehörigen himmlischen Stimmen, die dem Feldherrn vor der Schlacht Mut zusprechen, erklingt dieser Ohrwurm selten. In Paris ist für Sammler von Live-Raritäten jetzt wieder einmal Gelegenheit: Im Palais Garnier spielt man „Le Cid“ – apropos: das Belle-Epoque-Ambiente passt zu Massenets Musik wie der Wiener Musikverein zu Bruckners Achter!

Die Neuinszenierung geschah dem Titelhelden zuliebe: Der französische Tenor Roberto Alagna findet damit Gelegenheit, die längst kräftig metallverstärkten Qualitäten seiner Stimme zu demonstrieren. Er nutzte die Chance bei der Premiere mit dem ihm eigenen Draufgängertum. Nicht immer sprach das höhere Register ganz ohne Kratzer an; wo die Attacke gelang – und das war sehr häufig der Fall –, entfaltete sich imposante Strahlkraft. Im Duett mit der geliebten Chimène fand der Tenor auch zu schwebenden Pianotönen, die wiederum die Partnerin zu entsprechend gefühlvoller Phrasierung anzustacheln schienen.

Im Übrigen ist Expressivität Sonia Ganassis Domäne. Deren unmittelbare Wirkung tröstet über manches Schwächeln in der Tiefe hinweg. Gegenspielerin Annick Massis erntete für ihr kunstvoll, aber nicht ganz mühelos ziseliertes „Plus de tourments“ viel Zustimmung: Freilich bietet die Rolle der Infantin einer Interpretin nicht viel theatralisch Dankbares: Sie ist laut Libretto zwar ebenso in den Tenor verliebt wie die dramatischere Soprankollegin, verzichtet aber aus Standesdünkel gleich im ersten Akt zugunsten der rangniedrigeren Nebenbuhlerin.

Chimène gegen Aida: Kein Vergleich

Wie viel Leid hätten sich Aida und Radames erspart, denkt man während des Entractes, wäre die ägyptische Prinzessin so nobel wie ihr hispanisches Pendant. Doch holen einen die tieferen Stimmen wieder ins wirkliche Leben zurück, denn diese zanken sich um einen ehrenvollen Posten wie die Streithähne: Paul Gay als Don Diego und Laurent Alvaro (Comte de Gormas) sind einander nicht grün. Daraus entstehen die für einen Fünfakter nötigen Verwicklungen, die in diesem Fall dank der Großmut der dramatischen Sopranistin doch zum Happy End führen.

Beleidigte Ehre treibt Opernfiguren aber ebenso wenig wie Zuschauer zur allerhöchsten Weißglut. Das vermögen nur Eifersuchts- und Liebestragödien. Deshalb ist der „Cid“ nicht halb so populär wie „Aida“ oder auch nur Massenets eigener „Werther“. Überdies enthält er nicht so viel inspirierte musikalische Momente wie diese Straßenfeger.

Doch beweist das Orchester der Opéra unter Michel Plasson in satter Klangfülle, wie einschmeichelnd selbst jene Melodien tönen können, die Massenet in seiner zweiten oder dritten Schreibtischschublade archivierte. Die eleganteste von allen, die „Aragonaise“ aus der Ballettmusik, erklingt diesmal nur als Zwischenaktmusik. Mit den ausladenden Formen der Grand Opéra hat man auch in deren Geburtsstadt heute offenbar Probleme. Deshalb versucht die Inszenierung Charles Roubauds (in imposanten Bühnenbildern von Emmanuelle Favre), die Handlung um den Sieg über die Mauren in die Franco-Zeit zu verlegen.

Ein großer Gewinn für die Sache dramaturgischer Schlagkraft ist das nicht, denn Personenführung ist inexistent; das ist dank der ästhetischen Bilder und Kostüme (Katia Duflot) angenehmer als der in deutschsprachigen Landen grassierende Regietheaterirrsinn (der natürlich mit Balletteinlagen und Chortableux ebenso wenig anzufangen weiß), ergibt aber im Grunde nicht mehr als eine Art wohlausstaffierter konzertanter Aufführung.
Jedenfalls kriegen sich die zwei zum fröhlichen Beschluss, und Massenet-Freunde haben die Chance, ein doch durchaus hörenswertes Stück einmal bei voller Bühnenbeleuchtung zu erleben. Wer also gerade in Paris ist . . .

Weitere Aufführungen: 9., 15., 18. und 21. April.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2015)

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