Die Suche nach der Weltformel ist keinen Groschen Einsatz wert

Praktisch nichts davon, was die Physiker im CERN beschäftigt, hat mit der Wirklichkeit zu tun – nichts mit der Welt, in die wir hineingeboren wurden.

Es ist bemerkenswert, dass ein reines Wissenschaftsthema – die neuerliche Inbetriebnahme des Kernteilchenbeschleunigers des CERN bei Genf – mit einem langen Artikel auf der Titelseite der „Presse“ vom letzten Dienstag prangt. Noch bemerkenswerter ist der Leitartikel zu diesem Thema von Thomas Kramar, weil er nicht, wie bei vielen Wissenschaftsjournalisten üblich, treuherzig den euphorischen Ankündigungen der dort beschäftigten Forscher Glauben schenkt und diese folgsam eins zu eins verbreitet, sondern weil er eine wohldurchdachte kritische Stellungnahme zu dem teuren Monsterprojekt des Europäischen Kernforschungszentrums formuliert hat, die eine Bestätigung und Verschärfung verdient.

Denn der „Aufbruch ins dunkle Universum“, mit dem die CERN-Leute protzen, ist das viele Geld, das diese Reise kostet, bestimmt nicht wert. Big Science wie diese spiegelt Laien – Politikern wie Steuerzahlern, die dafür zahlen wollen oder müssen – eine aus Wortgeklingel bestehende Welt vor, bei der es um die scheinbar fundamentalen Fragen über die Schöpfung geht: Gibt es nur ein Universum, gibt es davon mehrere? Gibt es davon gar unendlich viele? Aber praktisch nichts davon hat mit der Wirklichkeit zu tun – nichts mit der Welt, in die wir hineingeboren wurden. Es ist buchstäblich abstract nonsense.

Würde man meine Argumente ernst nehmen, höre ich die Apologeten des CERN kontern, hätte man im 19. Jahrhundert auch die Versuche von Faraday als unsinnig verworfen und würde statt mit elektrischem Licht noch immer die Zimmer mit Kerzen beleuchten. Doch der Konter zielt ins Leere: Abgesehen davon, dass Faradays Experimente nur ein paar Schilling gekostet hatten, waren sie an Handfestes und Unmittelbares gebunden. Auch zu Faradays Zeiten gab es Esoteriker, die sich in unsinnige Verrücktheiten verbohrten – und sie sind alle längst vergessen.

Würde man meine Argumente ernst nehmen, höre ich die Verfechter von Superstring- und M-Brane-Theorien erwidern, wäre man nie zu Relativitäts- und Quantentheorie gelangt. Auch das stimmt so nicht: Die Ansätze für die Relativitätstheorie (Bestimmung von Gleichzeitigkeit an weit voneinander entfernten Orten und Verbindung der Mechanik Newtons mit der Elektrodynamik Maxwells) und für die Quantentheorie (Strahlung des schwarzen Körpers und Deutung der Spektrallinienformel von Balmer) waren konkret und naheliegend. Ganz im Unterschied zu den verstiegenen Fragestellungen der heutigen Weltformel-Physik.

Im gestrigen math.space-Vortrag (in Kürze auf www.youtube.com/user/mathspacewien zu sehen) über „Mathematik und die Natur“ kam ich darauf zu sprechen, dass wir die Natur nie verstehen werden. Wir konstruieren lediglich Modelle (in den exakten Naturwissenschaften: auf Mathematik gründende), mit deren Hilfe wir einzelne Aspekte eines Naturgeschehens – nie alles! – in guter Näherung – nie genau! – imitieren. In der Physik sind diese Modelle oft erstaunlich treffsicher, Eugene Wigner sprach von der „unreasonable effectiveness of mathematics“.

Aber es bleiben immer nur Modelle, nicht mehr. Zu meinen, damit alle Rätsel der Natur lösen zu können, grenzt an Hybris. Wohl aber helfen uns diese Modelle, die Welt zu gestalten. Darum lohnt es sich für junge Menschen immer noch, Physik zu studieren. Besonders in Österreich, das Innovationsschübe mehr denn je benötigt.

Es soll jedoch Physik mit Hand und Fuß sein, die sich mit Phänomenen auseinandersetzt, die uns wirklich betreffen, die den Ingenieuren dienlich ist. So wie dies bei der Relativitäts- und vor allem bei der Quantentheorie der Fall ist. Hierfür ist Geld für Lehre und Forschung zu investieren. Es aber an den CERN, der seine beste Zeit schon lang hinter sich hat, zu verschleudern, ist Verschwendung.

2009 war Österreich knapp daran, die Mitgliedschaft beim CERN zu kündigen. Es kam nicht dazu. Leider.

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Zum Autor:

Rudolf Taschner ist Mathematiker an der TU Wien und betreibt mit seiner Frau und mit Kollegen der TU Wien das Projekt math.space im Wiener Museumsquartier.