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Spanien: Europas erster Lehrer mit Down-Syndrom

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Der 34-jährige Pablo Pineda schaffte einen Universitäts-Abschluss, die Lehrer-Ausbildung und ist nun sogar Filmstar.

MADRID. „Ich bin stolz, das Down-Syndrom zu haben.“ Nicht nur Pablo Pineda schlägt sich an die Brust – ganz Spanien staunt darüber, was der 34-Jährige mit seiner auch als „Mongolismus“ bekannten Erbkrankheit geleistet hat: Er ist der erste Europäer mit Down-Syndrom, der einen Uni-Abschluss schaffte und nun Lehrer ist – wenn auch noch ohne feste Anstellung.

Ein Star ist er jedenfalls: Bald läuft der Kinofilm „Yo tambien“ (Ich auch) an, in dem Pineda die Hauptrolle spielt und seine Story erzählt. Seit Monaten zieht er durch Universitäten und erklärt Studenten wie Professoren, dass Menschen mit Down-Syndrom sozial ausgegrenzt und ihrer Rechte beraubt würden: „Aber ich kann vieles machen“, sagt er, und in seinen Augen hinter der rechteckigen Brille spiegelt sich ein starker Wille. „Ich kann studieren. Arbeiten. Und ich mich auch verlieben.“

Jüngst trat er in einer Grundschule in Malaga ein Lehrerpraktikum an. Er diskutierte mit den Schülern, wie Förderung und Integration von Kindern mit Down-Syndrom sein sollte: „Man muss sie so erziehen, dass sie unabhängig und glücklich sein können. Ihnen Freiheiten zugestehen, sie dem übermäßigen Beschützerbedürfnis der Eltern entziehen. Und man muss zulassen, dass sie auch schlechte Erfahrungen machen.“ Nur so könnten sie weiterkommen.

Ein Chromosom zu viel

Alle drei Minuten kommt irgendwo ein Baby mit Down-Syndrom zur Welt. Rund fünf Millionen Menschen leben mit dem Gendefekt, auf 800 bis 1000 Geburten kommt ein Fall. Die Betroffenen haben in ihren Zellen ein Chromosom mehr als andere Menschen, und zwar 47 statt 46. Grund ist das Chromosom Nummer 21, das dreifach statt zweifach vorliegt, daher der Fachbegriff „Trisomie 21“. Die Folge sind morphologische Besonderheiten, etwa bei Kopfform und Gesichtsausdruck, aber auch kognitive und motorische Beeinträchtigungen. Die geistig-intellektuellen Fähigkeiten können hochgradig geschädigt oder aber ganz normal sein.

„Wir können alles erreichen, was wir uns vornehmen“, sagt der selbstbewusste Spanier Pineda. Einige Betroffene wie er könnten sich hohe Ziele stecken, andere niedrigere. Manche seien eben geistig schwerer behindert, andere könnten Erstaunliches leisten. Die Vorurteile der Gesellschaft seien freilich nicht leicht zu überwinden: „Ich weiß, wenn ich in der Zukunft wirklich als Lehrer arbeite, ist das brutal für die Gesellschaft. Viele Familien haben Angst vor Menschen mit Down-Syndrom – etwa als Lehrer oder auch als Liebhaber ihrer Kinder.“

 

Aus mit dem „ewigen Kind“

Pineda, der mit fester Stimme spricht, besuchte eine normale Schule. Spanien gilt bei der schulischen Integration von Down-Kindern als Vorreiter. Dabei sei es mit manchen Lehrern schwieriger gewesen als mit den Kameraden. Auch in Zukunft will sich Pineda durch gesellschaftliche Schranken nicht aufhalten lassen: „Ich bin es leid, der ewige Schüler, das ewige Kind zu sein. Jetzt bin ich dran, den Leuten etwas beizubringen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2009)