Jordi Canals leitet eine der weltbesten Business Schools – mit Schwerpunkt Ethik. Doch Eliten aus seiner Schmiede haben die Krise mit verursacht, Regulierer haben versagt.
Wien. Es ist eine der allerersten Adressen für jene, die es im Wirtschaftsleben ganz nach oben schaffen wollen: das „Instituto de Estudios Superiores de la Empresa“ in Barcelona. Im anerkannten „Economist“-Ranking der besten Business Schools steht das IESE seit Jahren an erster Stelle in Europa und unter den Top Drei der Welt. Die Kaderschmiede für Investmentbanker und Topmanager gehört der umstrittenen katholischen Laienorganisation Opus Dei und fühlt sich laut ihrer Mission dem Thema Wirtschaft in der Ethik besonders verpflichtet.
Die Presse: Herr Rektor Canals, Ihr IESE wirbt mit einem Ethik-Schwerpunkt. Ein Viertel ihrer Absolventen waren Investmentbanker, deren Gier die Krise mit verursacht hat. Was ist da schief gelaufen?
Jordi Canals: Wir wollen uns vor unserer Verantwortung nicht drücken. Aber man muss auch die Kirche im Dorf lassen: Von acht Geschäftsfeldern der Investmentbanken waren es gerade einmal zwei, die uns in das Schlamassel geführt haben. Zugegeben, die Topmanager haben sich schlecht verhalten: Sie haben einer Neigung nachgegeben, schnellen Antworten und Erfolgen zu vertrauen. Aber die Politik hat dieses Verhalten gefördert, mit billigen Krediten und laxer Regulierung.
Ethik und Wirtschaft – passt das überhaupt zusammen?
Canals: Wirtschaften bedeutet mehr, als quantitative Modelle zu beherrschen. Business Schools müssen zeigen, dass Wissen nicht alles ist. Wie bei Politikern geht es darum, Wissen verantwortungsvoll einzusetzen. Wir brauchen eine neue Generation von Eliten, die Unternehmen als Gemeinschaften von Menschen sehen und diesen Humanismus mit dem Profitziel kombinieren. Da müssen wir noch viel mehr tun.
Wie hat sich Ihr Lehrplan durch die Krise geändert?
Canals: Wir bringen bei, wie man mit neuen Problemen umgehen kann: Deflation, Restrukturierungen, den richtigen Umgang mit den Arbeitern, die man entlassen muss.
Hat Ihr Image gelitten? Kommen weniger neue Schüler?
Canals: Die Bewerbungen sind nicht zurückgegangen, aber bei den Branchen gibt es große Verschiebungen. Der Finanzbereich hat seinen Glanz verloren, auch weil dort die Gehälter sinken. Gesundheit, Pharma, neue Energien und Infrastruktur sind die Sektoren, in die unsere Absolventen gehen.
Zehn bis zwölf Österreicher beginnen jedes Jahr ein MBA-Studium am IESE. Ist das ein Kulturschock für sie?
Canals: 85 Prozent unseres Lehrplans sind reale Fallstudien. Theorien sind für uns da, um sie infrage zu stellen. Mit dem humboldtschen Universitätsideal hat das nichts zu tun. Das empfinden deutschsprachige Studenten als großen Kontrast zu zu Hause.
Sie sind auch Leiter des „Schattenkomitees für Bankenregulierung“, eines prominenten Thinktanks zu diesem Thema. Was empfehlen Sie?
Canals: Wir brauchen keine zentrale Regulierung unter der Ägide der EZB. Aber wir brauchen ein enge Abstimmung unter den Regulierungsbehörden und ein Set von Prinzipien, das dann in jedem Land ergänzt werden kann. Ein gutes Vorbild ist Spanien: An uns ist die Bankenkrise fast spurlos vorübergegangen, weil die Zentralbank die Geschäftsbanken in der Boomphase gezwungen hat, Reserven anzulegen.
War es richtig von den Amerikanern, dem Geschäftsmodell Investmentbank ein Ende zu bereiten?
Canals: Nein. Jetzt machen Universalbanken diese Geschäfte, und das ist noch viel gefährlicher. Denn sie sind versucht, die Einlagen kleiner Sparer zu verzocken. Um das zu verhindern, muss man die Sparten dieser Banken wieder rechtlich voneinander trennen. Das ist das Gebot der Stunde.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2009)