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Baugeschichte: Die Verdrehung der Gaupe

Dachgeschoßausbauten waren lang nur in einem engen Korsett an technischen und gesetzlichen Parametern möglich. Es brauchte Kreativität, um die Möglichkeiten auszureizen.

Vieles am Plus Energy Rooftop, einem Dachgeschoßausbau in Kaisermühlen, ist markant. Auch die Verblechung. Was naheliegt, weil die Bauherrin einem Spengler- und Dachdeckerunternehmen entstammt. Auf einer Baustelle eines von Holodeck Architects geplanten Dachgeschoßes lernte man sich vor einiger Zeit kennen und beschloss, miteinander zu arbeiten. Nun geht das gemeinsame Projekt ins Finale: eine Maisonette im Dachgeschoß eines gründerzeitlichen Wohnhauses in Privatbesitz mit außergewöhnlichen schrägen Einschnitten und Freiflächen.

Die eine Seite des Dachausbaus ist auf die Alte Donau ausgerichtet, die andere Seite blickt hinüber zur Skyline der Donaucity. Rund 150 Quadratmeter verteilen sich auf zwei Geschoße – unten 110, oben etwa 40 Quadratmeter. Auch wenn sich das nicht nach sehr viel anhört – es wirkt größer. Nicht zuletzt wegen der Verglasung: „Eine Freifläche wird optisch und empfindungsmäßig zum Inneren dazugezählt“, erklärt Holodeck-Architektin Marlies Breuss. Ganz oben sind Solarpaneele in das Dach integriert. Eine Windwärmepumpe wurde auf den zusätzlich aufgebauten Aufzugsschacht gestellt. „Sie erzeugt Wärme und Kälte, die Fotovoltaik erzeugt Strom. Damit ist der komplette Dachboden autark.“ Zudem griffen die Holodecks eine neue Entwicklung auf: „Balance“ ist eine spezielle Platte mit Wachskügelchen, die auf Temperaturen reagiert. „Das Material ist dem Ziegel ähnlich, es nimmt untertags Wärme auf, speichert sie und gibt sie langsam ab. Diese ,Balance‘-Platte ist regulierend“, erklärt Breuss. Und diese Platte kommt im Plus Energy Rooftop als eine der ersten in einem Dachausbau in Österreich zur Anwendung.

 

Kreativ mit Richtlinien

Etliche Dachgeschoße haben Holodeck Architects bereits aus-, um- und aufgebaut. Keine Bauaufgabe glich dabei der anderen: „Jedes Haus und jeder Dachboden ist ein Prototyp“, meint Breuss, es brauche daher etwas Zeit, bis ein Bau genauso funktioniert wie geplant. „Wichtig ist der Kontext. Aus ihm lassen sich erst Ideen entwickeln“, betont Holodeck-Architekt Michael Ogertschnig die besondere Identität und Authentizität eines Ortes, auf die ein Planer eingehen muss. Zugleich mussten sich Architekten gerade im Bereich Dachgeschoß und des Bauens im Bestand mit wechselnden und einschränkenden Rahmenbedingungen arrangieren: Zwischen 2005 und 2013 hätten sie Dachausbauten bereits nach vier verschiedenen Bauordnungen und geänderten OIB- Richtlinien realisiert, erklärt Breuss. Schwierig wurde es vor allem dann, wenn die Parameter sich im Zeitraum zwischen Planung und Einreichung wieder änderten, so Ogertschnig.

Der Dachgeschoßausbau an der Alten Donau profitiert bereits von den Neuerungen in der Wiener Bauordnung, die Planungen im Dachgeschoß und so eine Verdichtung der Stadt erleichtert: „Die Kombination eines konstruktiven 3-D-Modells mit spezifischer Bestandsrisikoanalyse kann die strikte Trennung zwischen Dachausbau leicht und Dachausbau schwer erfolgreich ablösen“, befindet Ogertschnig über die neue Wiener Bauordnung. Das Berechnungsmodell versteht den Bestand und den Aufbau eines Hauses nun als eine gesamte statische Konstruktion. Schon exemplarisch haben die Holodecks bei einem Vorgängerprojekt – den „Roof Transformations“ in 1040 Wien – Kreativität im Umgang mit technischen und gesetzlichen Vorgaben gezeigt: So wurde etwa der Grundriss verdreht, damit die Bewohner nicht direkt ins nächste Haus blicken. Diese Verdrehung lösten die Holodecks über Gaupen, die so in das Dach eingeschnitten sind, dass sie der Bauordnung gerecht werden. „Auf der oberen Ebene erfolgte der zweite Einschnitt, in dem sich die Terrassen befinden. Um weiteren Freiraum zu schaffen, wurden stets zwei Wohnungen zueinander versetzt: Der gemeinsame Wohnraum und die Terrasse befinden sich einmal unten und einmal oben. Dadurch hat jeder seine private, nicht einsehbare Terrasse.“

Unter Dach

Dachgeschoßausbauten im Wohnbereich profitieren seit den Neuerungen im Wiener Baurecht etwa hinsichtlich einer Ansteilung beziehungsweise Aufklappung des Daches: So muss die zulässige Gebäudehöhe oder müssen die Baufluchtlinien nicht eingehalten werden, wenn dadurch die bestehende Gebäudehöhe nicht überschritten wird.
Mehr zur Holodeck Architects: www.holodeckarchitects.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2015)