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Mitgestalten: Das Wissen von Laien stärker nutzen

(c) Bilderbox

Das Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) sammelt Zukunftsvisionen zum Thema Nachhaltigkeit. Dazu gibt es demnächst Bürgerkonferenzen in ganz Europa.

Wie kann sich ein Biobauer aktiv einbringen, wenn es darum geht, die Gesellschaft mitzugestalten? Er meldet sich zur Teilnahme an einer sogenannten Bürgerkonferenz an. Das heißt, dass Personen mit völlig unterschiedlichem Hintergrund ein Thema diskutieren. Nächstes Wochenende steht Nachhaltigkeit auf dem Programm. „Das ist bewusst offen gehalten, um alle Ebenen, also Umweltverträglichkeit, wirtschaftliche und auch soziale Nachhaltigkeit zu berücksichtigen“, sagt Maria Schwarz-Woelzl vom ZSI. Sie leitet das EU-Projekt CASI für Österreich.

Um mitzureden, muss man aber nicht Biobauer sein, im Gegenteil: „Uns ist besonders wichtig, dass die Zusammensetzung der Gruppe die Gesellschaft widerspiegelt“, sagt Schwarz-Woelzl. Das bedeutet, dass soziodemografische Merkmale wie Geschlecht, Alter oder Bildung berücksichtigt werden. Daher können nicht immer alle mitmachen. Rekrutierungsprobleme kennt man aber nicht. Die Menschen bringen sich gern ein, das hätten die bisherigen Erfahrungen gezeigt, so Schwarz-Woelzl. Denn das ZSI veranstaltet bereits zum vierten Mal eine Bürgerkonferenz und testet auch andere Formate, um Laien in die Wissenschaft einzubinden. Sogar ein eigenes Weißbuch mit Empfehlungen, an dem das ZSI maßgeblich mitwirkte, wurde dazu schon herausgegeben.

 

Diskussionen in zwölf Staaten

Im aktuellen Projekt wird in insgesamt zwölf europäischen Staaten parallel diskutiert. Sozialwissenschaftler moderieren und dokumentieren die Gespräche, die jeweils in kleinen Gruppen stattfinden. Die Ergebnisse werden zusammengeführt, ausgewertet und von Experten priorisiert. Im Herbst werden sie bei einer weiteren Bürgerkonferenz mit denselben Personen noch einmal diskutiert. Mit Jahresende sollen sie dann auch öffentlich zugänglich sein.

Warum veranstaltet man am ZSI Bürgerkonferenzen? Man wolle die Perspektiven von Experten und Laien so verschränken, dass beide Seiten davon profitieren, so Schwarz-Wölzl. Die Forschungsziele sollen sich deutlich verbessern lassen, wenn Ideen und Vorschläge der Bevölkerung einbezogen werden. Was heißt das konkret? „Interessierte Bürger können sich als Experten aus ihrer individuellen Lebenswelt und zugleich als Mitglied der Gesellschaft einbringen“, sagt die Soziologin.

Gefragt sind Lösungsbeiträge zu gesellschaftlichen Fragen, die sonst ausgeklammert bleiben. „Die Betrachtung werde um eine Perspektive, nämlich die des interessierten Bürgers, bereichert.“ Die Forschung greift die Ideen auf, bearbeitet sie und trägt sie an politische Entscheidungsträger weiter. Das können auch Mitglieder der Europäischen Kommission sein, wie im aktuellen EU-Projekt CASI.

Den Teilnehmern die politische Relevanz ihrer Beiträge zu vermitteln, sei entscheidend: „Die Menschen nehmen freiwillig und in ihrer Freizeit teil. Sie wollen wissen, dass sich ihr Idealismus auch auszahlt“, so Schwarz-Woelzl. (gral)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2015)