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Die Stimme des kleinen polnischen Mannes

(c) Bilderbox
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Autobiografien „kleiner Leute“ im Polen der Zwischenkriegszeit sind heute wichtige Zeitdokumente. Sie hielten in Schreibwettbewerben ihre Lebensgeschichte fest. So ließ sich soziale Ungerechtigkeit aufzeigen.

Geschichte wird von Siegern geschrieben, also jener privilegierten Schicht, die an der Macht sitzt. Die Stimme der kleinen Leute geht in den Publikationen intellektueller Eliten unter, sofern sie überhaupt gehört wird. Historisch gesehen bilden dabei gerade diese Volksschichten zusammen eine gewichtige Stimme im Chor des sozialen Gedächtnisses.

Um 1920 stellte der polnische Soziologe Florian Znaniecki die Studie „The Polish Peasant in Europe and America“ vor. Mit Autobiografiewettbewerben haben die Forscher eine Methode gefunden, tausende persönliche Geschichten und Dokumente schwächerer Milieus zu erhalten – von bäuerlichen Jugendgruppen über Arbeitslose bis hin zu jüdischen Kulturzirkeln.

„Das war einzigartig. Das Volk hat sich durch die Schreibwettbewerbe eine Stimme gegeben und Ausgrenzung sowie soziale Ungerechtigkeit aufgezeigt“, sagt die Historikerin Katherine Lebow vom Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien. Im Rahmen eines Elise-Richter-Programms des Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF befasst sich die Columbia- und Yale-Absolventin mit dieser „polnischen Methode der Sozialforschung“. So will sie der Geschichte Osteuropas eine neue Perspektive verleihen und zugleich ein Stück internationaler Wissenschaftsgeschichte dokumentieren.

„Bis in die 1930er-Jahre haben diese Wettbewerbe eine lebendige Kultur autobiografischen Schreibens hervorgebracht“, so Lebow. Viele Texte wurden zu Bestsellern, erhielten Preise und wurden öffentlich diskutiert. Ab den 1930ern wandten Forscher der Universitäten Columbia und Harvard diese „polnische Methode“ bei NS-Parteimitgliedern und jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland an. Danach wurde dieses humanistische Modell von einem positivistischen Ansatz abgelöst (siehe Lexikon). Und geriet danach in der deutschen wie englischen Wissenschaftsgeschichte fast völlig in Vergessenheit.

 

Biografische Methode

Erst in den 1970er- und 1980er-Jahren wurde sie als qualitative biografische Methode erneuert. Warum es dazu kam, will Lebow anhand von Originalquellen aus polnischen und amerikanischen Archiven – einschließlich zahlreicher unveröffentlichter Texte – in ihrer Monografie beantworten.

Die autobiografischen Texte griffen unterschiedliche Themen auf. Standen in der Zwischenkriegszeit soziale und ökonomische Themen im Vordergrund, leiteten sie nach dem Zweiten Weltkrieg Diskurse über politische Ethik und Menschenrechte ein. Während des Krieges wurden mehr als zehntausend Dokumente deportierter Polinnen und Polen von der polnischen Exilregierung genutzt, um die stalinistische Maschinerie zu dokumentieren.

Ab 1945 trugen polnische Juden sukzessive Zeitzeugenberichte zusammen. „Ein osteuropäisches und spezifisch polnisches Phänomen“, erklärt die Historikerin und fügt hinzu: „Biografien wurden aber auch in die andere Richtung ,benutzt‘ – etwa für kommunistische Propagandazwecke im Polen der 1950er-Jahre.“

Lebow sieht diese Wettbewerbe als wichtige Zeugnisse von Intervention und politischer Teilhabe des Volkes. Zudem verraten sie, was Soziologen damals nicht interessierte: dass sich viele Frauen an den Wettbewerben beteiligten oder andere Sprachen als polnisch verwendet wurden.

Lexikon

Humanistische Modelle gehen davon aus, dass der Mensch in der Lage sei, zu einer besseren Existenzform zu finden. Der Humanismus erlaubt ethische und existenzielle Fragen und fördert sie.

Der Positivismus geht davon aus, dass die menschliche Erkenntnis ausschließlich von Gegebenem bestimmt werde. Somit lässt er Fragen, die sich außerhalb der streng festgelegten Wissenschaftlichkeit bewegen, nicht zu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2015)