Die Wirtschaft der Zukunft läuft im Kreis

Flohmarkt
Flohmarkt(c) Clemens Fabry
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Walter Stahel war in den 1970er-Jahren der erste Vordenker der Kreislaufwirtschaft. Der "Presse am Sonntag" erklärt er, warum sein Modell der Ressourcenschonung so lang Utopie und modische Nische geblieben ist .

Vor 40 Jahren kamen ein paar ökonomische Grübler auf seltsame Ideen. Sie betrachteten die Natur und sahen überall Kreise und Schleifen: Tag und Nacht, die Jahreszeiten, der Stoffwechsel. Vor allem aber den Organismus von Tieren und Menschen, der sich selbst erneuert und heilt, aufgeteilt auf zahllose, verstreute Einheiten. Was die Natur auf diese Weise optimiert, verglichen sie mit unserer Art des Wirtschaftens – und sahen etwas ganz anderes.

Wir produzieren zentralisiert und in großer Masse Güter, wofür wir gewaltige Mengen an nicht erneuerbaren Rohstoffen aus aller Welt an einen Ort karren. Ist die Ware fertig, wird der Hersteller die Verantwortung dafür schnell los. Sie gelangt durch Kauf an einen neuen Besitzer, der davon keinen technischen Tau hat und sie meist schon bald als Müll wegwirft. Der Weg führt also linear von der Wiege ins Grab, und dort ist er zu Ende. Wie aber wäre es, wenn wir stattdessen das Alte überholen, es neu vermarkten oder die Ressourcen wieder einsetzen, also „von der Wiege zur Wiege“ agieren? Das fragte sich damals ein junger Architekt und Wirtschaftsforscher, der Schweizer Walter Stahel. Heute ist sein „cradle to cradle“ ein modisches Schlagwort. Alle Welt redet von Mülltrennung und Recycling. Autos zu „sharen“ und Kaputtes reparieren zu lassen, ist zudem für Großstadt-Hipster der letzte Schrei. Aber Stahel, der in die Jahre gekommene Pionier, heute Berater und Mitglied des Club of Rome, blickt abgeklärt auf den Hype und stellt klarsichtig fest: „Wir leben weiterhin in einer Wegwerfgesellschaft.“

Kaufmann statt Missionar. Stahel ist kein Guru und kein Missionar. Er denkt pragmatisch, in den Kategorien eines Kaufmanns: Was sich für Unternehmen nicht rechnet, werden sie nicht tun. „Die Hersteller verdienen heute an neuen Produkten aus global optimierten Wertschöpfungsketten. Reparaturen passieren lokal. Da haben sie keinen Wettbewerbsvorteil. Warum sollten sie sich da engagieren?“ Doch die Lage, meint Stahel, ändere sich. Sein Kalkül ist einfach: „Das ganze 20. Jahrhundert über gingen die Rohstoffpreise zurück.“ Den Herstellern fehlte jedes Interesse an Materialien und Komponenten, die sie vor zehn Jahren gekauft und eingebaut hatten – neue waren ja inzwischen viel günstiger. Seit der Jahrtausendwende aber steigen die Rohstoffpreise, „und sie sind heute auf dem Niveau von 1900“. Was dazu führe, dass der Betriebswirt in fertigen Gütern plötzlich die Ressourcen von morgen sieht – zu den Preisen von gestern.

Die Frage ist freilich, ob der Trend anhält, wir also am Beginn eines Jahrhunderts immer teurerer Rohstoffe stehen. Stahel ist davon überzeugt. Nicht so sehr deshalb, weil sie uns schon bald ausgehen. Als erste Kandidaten dafür sieht er Phosphor und Stickstoff, und auch sie würden erst in 20 bis 30 Jahren richtig knapp. Viel stärker gehe es um „künstliche Knappheiten“: „Für viele Rohstoffe war der Abbau in Afrika und Südamerika deshalb so günstig, weil dort die Menschenrechte missachtet wurden.“ Das gehe künftig nicht mehr so leicht. Ähnliches gelte für seltene Erden, die „gar nicht selten, aber nur sehr schmutzig zu gewinnen sind“. Auf den großen Reserven sitzt hier China, wo das ökologische Bewusstsein steigt. Auch das treibt Abbaukosten und Preise. Wie aber kommen die Produzenten wieder an früher Verarbeitetes? Sofort denkt man dabei an Recycling von Müll. Es geschieht schon in großem Stil, vor allem durch gesetzliche Vorgaben. Doch für Stahel ist es „die am wenigsten nachhaltige Maßnahme der Kreislaufwirtschaft“. Denn das Heraustrennen von Rohstoffen und Teilen aus Abfall ist oft sehr teuer.

Stahel denkt in eine andere Richtung: Nur wenn die Hersteller Eigentümer ihrer Produkte bleiben, haben sie ein ureigenes Interesse an der Bewahrung ihres Besitzes. Sie planen ihn modularer, um ihn später leichter zu zerlegen. Sie pflegen und reparieren ihn fachmännisch während seiner Nutzung. Und sie können seine Rückholung am Ende des Lebenszyklus viel günstiger organisieren. Dazu dürfen sie ihn aber nicht verkaufen, sondern müssen verleihen oder verleasen. So werden sie zu Dienstleistern, die Gebrauchsnutzen liefern – ein Konzept, das Stahel in seinem Buch „Die Performance-Gesellschaft“ entwickelt hat.

Das ist nun keineswegs so revolutionär, wie es erscheinen mag. Bei öffentlichen Gütern sind wir es seit jeher gewohnt, für den Gebrauch von Dingen zu zahlen, die allen gehören: Öffis, Theater, Parklücken. Wir zahlen auch Miete für Wohnungen und Hotelzimmer, die uns gar nicht gehören. Wenn Firmen ihren Fuhrpark leasen, geht es ihnen nicht nur um Ratenzahlung und Liquidität. Sie lagern auch die Verwaltung und Wartung der Fahrzeuge aus – aufgrund der schlichten Erkenntnis, dass sich jeder darauf konzentrieren soll, was er am besten kann.

Reifen für Afghanistan. Für Pentagon und Nasa ist das Nutzen von Dienstleistungen die bevorzugte Einkaufsstrategie. Michelin etwa erhielt vom US-Militär einen Auftrag über zehn Mrd. Dollar – und blieb Eigentümer der Reifen. Rasch wurde dem französischen Konzern klar: Wenn er mit Gewinn aussteigen will, darf er nicht ständig Ersatzteile oder Ersatzreifen nach Afghanistan liefern. Die Lösung waren mobile Werkstätten vor Ort, wo man zum Beispiel die Rillen nachzieht. Das geht ganz in Stahels Richtung – ohne Zwang oder moralische Appelle, aus rein betriebswirtschaftlichem Kalkül.

Freilich: Für private Haushalte ist das Kaufen von Nutzen noch eine Nische. Einzig das Carsharing zeigt Breitenwirkung. Erfolg haben auch Hersteller, die den Käufer listig zu einem Kreislauf bewegen, ohne dass dieser es merkt. So wurden die Einwegkameras von Kodak und Fuji in Wirklichkeit nie weggeworfen. Weil ein Film drin war, brachten die Nutzer sie zum Entwickeln. Das Fotolabor bekam vom Hersteller ein wenig Geld für jede in die Fabrik retournierte Kamera. So wurden dieselben Geräte im Schnitt zehnmal eingesetzt. Einen anderen nachhaltigen Trick wendet Renault an, nach dem Vorbild von Caterpillar: Der Autobauer kauft alte Motoren, zahlt dafür 40 Prozent des Neupreises, überholt sie und verkauft sie wieder. Nicht mit Abschlag, denn dann würden die Käufer sie als minderwertig meiden. Sondern mit gutem Gewissen zum vollen Neupreis, weil sie tatsächlich neuwertig sind. Aber schon die Tatsache, dass der Käufer überlistet werden muss, zeigt, dass es mit dem Kulturwandel noch nicht weit her ist. Immerhin: Jene, die immer schon auf Flohmärkten und Secondhand gekauft haben, nutzen nun mit dem digitalen Flohmarkt eBay eine Plattform, die dieses Segment weit effizienter bedient.

Gegen eine breiter ausgebaute Kreislaufwirtschaft hat auch der Staat eine Hürde aufgebaut: das Steuersystem. Reparatur und Überholung erfordern viel mehr menschliche Arbeitskraft als die Neuproduktion. Sie würden also neue Jobs schaffen. „Aber wir besteuern Arbeit sehr hoch, obwohl sie ein erneuerbare Ressource ist“, beklagt Stahel – und gibt zu bedenken, dass die Lohnsteuer gar keine lange Tradition hat: Die Briten führten sie ein, um die Kriege gegen Napoleon zu finanzieren, die Franzosen erst im Ersten Weltkrieg. In beiden Fällen blieb es nach Kriegsende bei der neuen, praktischen Einnahmequelle. Davor gab es den Zehent als landwirtschaftliche Produktionssteuer, die Maschinensteuer und die Luxussteuer als Mehrwertsteuer für Reiche. Heute, meint Stahel, sollten sich die Abgaben auf nicht erneuerbare Ressourcen konzentrieren. Freilich könnte ein solcher Radikalumbau des Steuersystems nur dann ohne Wohlstandsverluste gelingen, wenn er zugleich in allen Industriestaaten erfolgt – was vorerst illusorisch bleibt. Als ersten Schritt empfiehlt Stahel, zumindest auf Maßnahmen der Werterhaltung keine Mehrwertsteuer zu verrechnen.

Kein globales Modell. Im Übrigen setzt er darauf, dass sich der Kulturwandel verstärkt. In den Industrieländern „haben wir seit zehn Jahren gesättigte Märkte“. Wenn jeder eine Waschmaschine und ein Auto hat, werden diese Güter nur noch ersetzt. Das verstärkt den Sinn fürs Bewahren. Freilich nur in der Ersten Welt, schränkt Stahel ein: „Die Kreislaufwirtschaft kann kein globales Modell sein.“ In den Entwicklungsländern mangelt es eklatant an Gütern. Dort bleibt Massenproduktion der beste und günstigste Weg, um die Lebensqualität zu erhöhen. Schwellenländer wie China müssen erst Infrastruktur aufbauen, um sie dann hegen und pflegen zu können. Uns Europäer aber erinnert Stahel an eine Lebensweisheit, die schon Aristoteles verkündet hat: „Der wahre Reichtum liegt im Gebrauch, nicht im Eigentum.“

Zur Person

Walter R. Stahel
(68) ist ein Schweizer Politik- und Unternehmensberater. Schon in den 1970er-Jahren entwarf er das Konzept der Kreislaufwirtschaft. Der Gründer des Genfer Instituts für Produktdauer-Forschung ist seit 2012 Mitglied im Club of Rome.

Beim Zukunftslabor für nachhaltige Produktentwicklung hielt Walter Stahel vergangene Woche einen Vortrag im Haus der Industrie in Wien. Andreas Scheiblecker

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2015)

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