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Arbeitslosigkeit made in Austria

Arbeitslose beim AMS
Arbeitslose beim AMS(c) Clemens Fabry

Auf dem Arbeitsmarkt tickt eine Zeitbombe. Jährlich wandern 25.000 qualifizierte Österreicher aus und 30.000 unqualifizierte Ausländer zu. Die Besten umwerben wir nicht.

Semjon Kotschegin muss man ganz einfach mögen. Gut, für einen Anästhesisten, der die Leute von Berufs wegen in die Empfindungslosigkeit befördert, redet er ein wenig viel. Ansonsten ist er allseits beliebt. „Dreammaster“ nannten ihn seine Kollegen in Moskau, weil er seine Profession offenbar beherrscht.

Klappt alles nach Plan, werden ihn seine deutschen Kollegen schon bald „Traummeister“ nennen. Vor eineinhalb Monaten ist Semjon aus Moskau nach Deutschland ausgewandert. Frau und Kinder im Gepäck. Rein ins Ungewisse, ob der Neustart mit 47 Jahren nochmals funktioniert. Und doch voller Überzeugung, das Richtige zu tun: „Ursprünglich hat es mir wirtschaftlich nicht mehr in Russland gepasst“, sagt er. „Nun ist es auch politisch unerträglich geworden. Ich will nicht nochmals in einer Art Sowjetunion leben.“

Deutschland war bei Semjon, dem wir auf eigenen Wunsch ein Pseudonym geben, nicht die erste Wahl. Viele Jahre hatte er es mit den USA versucht, ohne allerdings bei der Verlosung der Greencard zum Zug zu kommen. Am Ende sprach vieles für Deutschland, zumal einige seiner russischen Bekannten dort bereits Fuß gefasst und schnell auch ein Arbeitsvisum bekommen hatten.

Österreichs Rot-Weiß-Rot-Card war kein Thema? Semjon ist ob der Frage erstaunt. „Ehrlich gesagt habe ich nie davon gehört.“ Hört man sich in Russlands Mittelschicht um, erhält man meist dieselbe Antwort. Dabei spielen gerade Leute aus diesem unternehmerischen und agilen Bevölkerungssegment am meisten mit dem Gedanken, dem Land den Rücken zu kehren. Aktuell denken 13 Prozent der Bevölkerung mehr oder weniger intensiv daran, die Koffer zu packen, eruierte das Umfrageinstitut Lewada-Centre. Es gehe vor allem um die erfolgreichen Leute unter 35, die mit eigenen Kräften in der Marktwirtschaft bereits etwas erreicht haben, auf sich selbst bauen, kompetent und initiativ sind und nicht vom Staat abhängen, wie Lewada-Chef Lew Gudkov in einem Interview erklärte. Gehen sie, geht viel Know-how verloren. Braindrain lautet daher der Begriff. Und Österreich lässt diesen Zug wieder einmal an sich vorüberziehen.


Sieben Jahre Abschottung. Österreich war schon in der Vergangenheit dafür bekannt, dass es sich so lang wie möglich abschottet. Als 2004 Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern der EU beitraten, schöpfte Österreich die maximale Übergangsfrist von sieben Jahren aus. Erst seit 2011 ist es Bürgern dieser Länder generell erlaubt, hier zu arbeiten. Das Ergebnis: Die Besten haben sich längst andernorts eine neue Existenz aufgebaut. Nach Österreich kommen viele, die nur noch von Verzweiflung getrieben sind. Zumindest lässt ein Blick in die Arbeitslosenstatistik diesen Schluss zu. Von 400.000 Arbeitslosen in diesem Land stammt jeder vierte aus dem Ausland. Die Zahl der arbeitslosen Ausländer stieg im Vorjahr um 20 Prozent. Grund: Nach Österreich drängen vor allem die schlecht Qualifizierten, und diese liefern sich oft mit anderen schlecht Qualifizierten einen erbitterten Kampf um Billigjobs.

Dabei braucht Österreich dringend qualifizierte Facharbeiter. Das ergab auch eine Untersuchung der liberalen Denkfabrik Agenda Austria. Demnach wandern jedes Jahr 20.000 bis 25.000 Topleute ab, im Gegenzug kommen 30.000 ungelernte Zuwanderer ins Land. „Eine Zeitbombe der besonderen Art“, nennt es die Agenda Austria.

Die Anwerbung qualifizierter Arbeitskräfte mittels Rot-Weiß-Rot-Card funktioniert so gut wie gar nicht. Auch in Moskau erfahren ausreisewillige Russen eher durch Zufall von einer Rot-Weiß-Rot-Karte. „Zumindest wir bewerben sie nicht aktiv“, bekennt Dietmar Fellner, österreichischer Handelsdelegierter in Moskau. Einzig wenn die Austria Business Agency, eine Agentur des Wirtschaftsministeriums, ihre etwa vierteljährlichen Veranstaltungen in Russland mache, werde auch auf die Rot-Weiß-Rot-Karte aufmerksam gemacht, sagt er.

Wer sich in der Außenhandelsstelle in Moskau für die Karte interessiert, wird nicht an der Hand genommen, sondern gleich zur Botschaft oder zum Konsulat weitergeleitet, wie ein fiktiver Versuch der „Presse“ ergab: „Warum rufen Sie bei uns an?“, wimmelte die Dame am Telefon ab.


USA suchen gezielt. Andere Staaten sind offensiver. Wer die russische Lieblingsphrase für Emigrationsbereitschaft („pora-valit“) im Internet eingibt, landet schnell auf businessimmigrationgroup.com, einer US-Agentur, die bei den Formalitäten zur Erlangung entsprechender Aufenthaltstitel in den USA hilft. Die beliebtesten Zielländer der Russen sind Deutschland, gefolgt von den USA, Kanada, Finnland, Großbritannien und Australien.

Österreich ist nicht darunter. Vielleicht liegt es daran, dass das Wort „Wirtschaftsflüchtling“ hierzulande seit jeher als Schimpfwort aufgefasst und nicht als das gelesen wird, was es auch und vor allem beschreiben soll: Leute, die mit ihrem Talent und ihrer Qualifikation eine Verbesserung ihrer Lebenssituation anstreben und außerhalb ihres Herkunftslandes mehr Möglichkeiten zum Einsatz ihrer Fähigkeiten vermuten.

600 Russen haben im Vorjahr eine Rot-Weiß-Rot-Karte beantragt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2015)