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Theater an der Wien: Mozarts "Toller Tag" im Tollhaus

(c) APA/HERWIG PRAMMER
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Ein gutes Ensemble hat bei "Nozze di Figaro" einen schweren Stand gegen Felix Breisachs Regieidee einer aus dem Ruder laufenden Theatertherapie.

Glück gehabt! „Therapie heute: Parsifal“ steht nämlich am Anfang noch mit Kreide auf der Tafel, die im Sanatorium den Tagesplan für die Behandlung vorgibt. Da wäre der Abend nicht schon nach dreieinviertel Stunden vorbei gewesen (die freilich länger wirkten). Oder doch Pech? Denn das Bühnenweihfestspiel hätte sich mit Insassen, Verwandten und Personal einer Nervenheilanstalt der Gegenwart vermutlich genauso gut erzählen lassen – oder zumindest auch nicht schlechter als Mozarts „Figaro“. Doch Wagner war gestern, gibt der Graf als Chefarzt und zugleich Regisseur zu Beginn vor: Heute gilt es, in Gruppentherapie verbeulte Paar- und verschüttete Familienbeziehungen aufzuarbeiten! Kollateralschäden freilich nicht ausgeschlossen.

Jedes Theater sei ein Irrenhaus, die Oper aber dessen Abteilung für Unheilbare, lautet ein nicht ganz von der Hand zu weisendes Bühnenbonmot. Viele Opernliebhaber konnten sich am Samstag im Theater an der Wien allerdings nicht recht entscheiden, ob sie dem Regisseur ärztliche Betreuung angedeihen lassen wollten oder selbst dringend der Erholung in einer Nervenheilanstalt bedurften: Massive Buhs waren die Folge.

Theater statt Elektroschocks

Regisseur Felix Breisach bereitet seit Langem Bühnenaufführungen fürs Fernsehen auf und porträtiert prominente Musiker. Zum Beispiel Nikolaus Harnoncourt: Vergangenes Jahr hat er dessen Mozart-/Da-Ponte-Trilogie in eine halb szenische Form gebracht; nun durfte er seine ganz eigene Sicht auf „Le nozze di Figaro“ entwickeln. Als treuer Schüler seines Meisters findet Breisach wenig zum Lachen an der Komödie, zeigt sie als düsteres Stück zweiter Ordnung: Theater statt Elektroschocks heißt es für die Internierten. Sie schlüpfen in Rollen und teilweise auch historische Kleidungsstücke (Kostüme: Doris Maria Aigner), tummeln sich zwischen Spitalsbetten auf zwei Ebenen sowie in einer zentralen, auf Sigmund Freuds Praxis anspielenden, drehbaren Theaterbox (Bühne: Jens Kilian), liefern durchlaufende szenische Kontrapunkte mit individuellen Schrullen und Symptomen.

Anfangs ergeben sich da noch überraschende Pointen, etwa wenn der burschikos-hellstimmige Cherubino von Ingeborg Gillebo eben nicht stückgemäß in seinem Versteck entdeckt wird, in das ihn der Graf persönlich vorher eingewiesen hat, sondern längst anderswo herumknutscht. Und das Jus primae noctis deutet Breisach um, indem er es als das zeigt, was es war, nämlich sexueller Missbrauch. Analog zum Original ist der geilste Bock der Gärtner: Stéphane Degout kann diesen Dr. Almaviva sowohl mit der nötigen sängerischen Autorität als auch mit einem Zug ins Bedrohliche ausstatten. Zu Beginn hat er noch alle Fäden in der Hand, wird jedoch im Lauf des Stücks erotischer Übergriffe auf seine Patientinnen überführt.

Minkowski hält die Tempi flexibel

Aus dem bösen Spiel, zu dem ohnehin nur Figaro als Almavivas Student anfangs heitere Miene machen kann, wird noch böserer Ernst: Der kernig-markante Alex Esposito, seinem Lehrer nicht nur typmäßig ähnlich, entwickelt sich zum zürnenden Rädelsführer einer Revolte, an der u. a. auch die fast zu mädchenhaft zart tönende Emöke Baráth (Susanna), Anett Fritsch als klanglich fülligere Gräfin und der Arnold Schoenberg Chor als gut spielende Belegschaft der geschlossenen Abteilung Anteil haben. Doch wenn das Ganze irgendwo zwischen Desillusion, Tristesse und absurdem Theater endet, ist die innere Anteilnahme längst erloschen: Der von Breisach verordnete neue Sinn trägt oft nicht halb so weit wie der eliminierte alte.

Etwas Widerspruch gab es allerdings auch für Marc Minkowski am Pult der Musiciens du Louvre Grenoble. Rhythmische Präzision und bloßes Taktschlagen interessiert ihn weniger, lieber gibt er seinen Musikern Freiraum, ihre Phrasen zu entwickeln, hält die Tempi flexibel, fächert Klang wie Dynamik fernab von Samt und Seide eher zwischen knisterndem Seidenpapier und steifen Orchesterbrisen auf – Vorboten der nächsten Saison, in der Minkowski hier die Urfassung des „Fliegenden Holländers“ dirigiert.

Aber Fortsetzung folgt auch für Almavivas & Co.: Immerhin finden bei Breisach Gräfin und Cherubin zusammen. Mit Darius Milhauds Oper „La mère coupable“, in der die beiden einen Sohn haben, schließt das Theater an der Wien im Mai seine „Figaro“-Trilogie nach Beaumarchais ab – Regie: Herbert Föttinger.

Weitere Aufführungen: 13., 15., 18., 20., 22. 4., 19 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2015)