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Literaturnobelpreisträger Günter Grass gestorben

File photo of novelist Grass smoking pipe before the opening of an exhibition in Hamburg
Günter Grass(c) REUTERS (CHRISTIAN CHARISIUS)
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Der streitbare deutsche Autor wurde 87 Jahre alt. 1999 erhielt Günter Grass den Nobelpreis für Literatur. Weltberühmt machte ihn "Die Blechtrommel", gefeiert als "die Wiedergeburt des deutschen Romans".

Günter Grass ist tot. Der deutsche Literaturnobelpreisträger starb am Montag im Alter von 87 Jahren in einer Lübecker Klinik. Das teilte der Steidl Verlag in Göttingen mit. Grass zählte zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern der Gegenwart. 

Mit seinem Debütroman "Die Blechtrommel", der 1959 erschien, wurde Grass weltberühmt. 1999 wurde er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, "weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat", wie die Schwedische Akademie formulierte. Der Sekretär des Nobelpreiskomitees Horace Engdahl sagte in seiner Laudatio damals: "Das Erscheinen der "Blechtrommel" bedeutete die Wiedergeburt des deutschen Romans des 20. Jahrhunderts."

Gesellschaftspolitische Debatten

Untrennbar blieb für Grass sein Handeln als Schriftsteller und als Bürger. Zeitlebens schaltete sich Grass in gesellschaftspolitische Debatten ein. Seine politische Heimat wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die Sozialdemokratie. So unterstützte er Willy Brandts Aussöhnungspolitik mit Polen und machte Wahlkampf für die SPD.

Gerechtigkeit im Nord-Süd-Konflikt, das Elend in Kalkutta, eine gerechtere deutsche Wiedervereinigung, bei der die Ostdeutschen nicht über den Tisch gezogen werden, Engagement für verfolgte Autoren weltweit, die Golfkriege, Gefahren der Atomenergie oder der Nahostkonflikt - Grass meldete sich nahezu zu jedem wichtigen Thema zu Wort.

Er löste dabei heftige Kontroversen aus. 2006 schrieb er in dem autobiografischen Roman "Beim Häuten der Zwiebel", dass er kurz vor Kriegsende bei der Waffen-SS war und wurde für sein spätes Geständnis teils heftig kritisiert. Zuletzt löste er 2012 eine Kontroverse wegen des Israel-kritischen Gedichts "Was gesagt werden muss" aus. Nach dessen Erscheinen wurde dem Dichter sogar Antisemitismus vorgehalten.

"Danziger Trilogie"

Erinnerungsarbeit über deutsche Schuld und die literarische Kompensation des Heimatverlustes prägen das gewaltige Werk von Grass. Zu seinem Oeuvre gehört die Anfang der 1960er Jahre erschienene "Danziger Trilogie". Sie umfasst neben der "Blechtrommel" die Novelle "Katz und Maus" (1961) und den Roman "Hundejahre" (1963).

Fast ein halbes Jahrhundert später betrieb Grass Erinnerungsarbeit in eigener Sache und schrieb seine "Trilogie der Erinnerung" mit den autobiografischen Bänden "Beim Häuten der Zwiebel" (2006), "Die Box" (2008) und "Grimms Wörter" (2010).

Letzter öffentlicher Auftritt im März

Grass' letzter großer öffentlicher Auftritt war bei der Blechtrommel-Uraufführung am 28. März im Hamburger Thalia Theater, als er in der ersten Reihe mit seiner Frau Ute Grunert bei der Aufführung zuschaute und sich danach mit dem Ensemble den Schlussapplaus abholte. Und beim 10. Lübecker Autorentreffen Anfang März hatte Grass unvermittelt in einer Runde der versammelten Autoren zu dem Autor Tilman Spengler gesagt: "Wenn ich einmal nicht mehr bin, Tilman, übernimmst Du bitte diese Runde."

 

Lebensstationen:

Der Schriftsteller und bildende Künstler Günter Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig (Gdansk) in kleinbürgerlichen Verhältnissen geboren. Seine Eltern führten eine Kolonialwarenhandlung.

Lebensstationen:

  • 1944-1946: Während des Zweiten Weltkrieges ist der 17-jährige Grass zunächst als Flakhelfer und im Arbeitsdienst beschäftigt. Im Herbst 1944 wird er in die Waffen-SS einberufen, seine Vereidigung findet im Februar 1945 statt. Nach einer Verwundung im April 1945 kommt er für ein Jahr in amerikanische Kriegsgefangenschaft.
  • 1947: Grass wird von Hans Werner Richter erstmals zu einem Treffen der Gruppe 47 eingeladen, einer losen Vereinigung deutscher Schriftsteller. Richter wird für Grass zum literarischen Mentor und väterlichen Freund.
  • 1948-1952: Studium der Bildhauerei und Grafik an der Düsseldorfer Kunstakademie, Reisen nach Italien und Frankreich.
  • 1959: Durchbruch als Schriftsteller mit dem Roman "Die Blechtrommel", für den er 1958 bereits den Preis der Gruppe 47 bekam.
  • 1960: Der Bremer Senat verweigert Grass den Bremer Literaturpreis wegen moralischer Bedenken. Damit stellt sich der Senat gegen die Entscheidung der Jury. Kritisiert wurde der angeblich obszöne Inhalt der "Blechtrommel".
  • 1965: Grass beteiligt sich an Wahlkampftourneen der SPD. Sein Engagement für die Sozialdemokratie als politische Heimat hält bis heute an, auch wenn er 1992 nach zehnjähriger Mitgliedschaft wegen der der Asylrechtsverschärfung aus der Partei austrat. 1965 erhält Grass für seine Lyrik und Prosa den Georg-Büchner-Preis, die renommierteste deutsche Literaturauszeichnung.
  • 1979: Zusammen mit Heinrich Böll und Siegfried Lenz lehnt er das Bundesverdienstkreuz ab.
  • 1986: Grass zieht ins indische Kalkutta, kehrt aber bereits nach wenigen Monaten wegen gesundheitlicher Probleme seiner Frau wieder nach Deutschland zurück.
  • 1989: Austritt aus der Berliner Akademie der Künste, weil diese eine Solidaritätsveranstaltung für den britisch-indischen Schriftsteller Salman Rushdie verweigert. 1998 wird Grass wieder zugewählt.
  • 1993: Seine Heimatstadt Danzig ernennt ihn zum Ehrenbürger.
  • 1999: Grass erhält den Literatur-Nobelpreis für sein Lebenswerk.
  • 2006: In seiner Jugend-Autobiografie beim "Beim Häuten der Zwiebel" macht Grass erstmals öffentlich, als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Damit beginnt eine Debatte um seine Rolle als moralische Instanz im Nachkriegsdeutschland.
  • 2012: Wegen des kritischen Gedichts "Was gesagt werden muss" erklärte Israel Grass zur persona non grata. 
  • 2015: Grass stirbt im Alter von 87 Jahren in einer Lübecker Klinik. 

(APA/dpa)