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Günter Grass - Ein Mensch in seinem Widerspruch

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Günter Grass(c) APA/EPA/ARNE DEDERT (ARNE DEDERT)
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Mit 87 Jahren starb der Schöpfer der "Blechtrommel“. Günter Grass sah sich als Gewissen Deutschlands, engagierte sich politisch und war ein künstlerisches Multitalent. Ein Nachruf

Zugegeben: Ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt ...“ Mit diesem Satz seines Protagonisten Oskar Matzerath beginnt das Romandebüt des Schriftstellers, bildenden Künstlers und politischen Aktivisten Günter Grass. Er führt den Leser in den Wahnsinn des vergangenen Jahrhunderts, in die Schrecken der Nazi-Zeit, Oskar erzählt aus der Perspektive der trügerischen Sicherheit des jungen deutschen Wirtschaftswunders. Als Grass 1959 „Die Blechtrommel“ veröffentlichte, war es eine literarische Sensation. Bildstark, pikaresk, ausufernd in der Struktur ist die wundersame Geschichte eines Kindes, das mit drei Jahren beschließt, nicht mehr zu wachsen. Ein Außenseiter, ein kleines Monster, macht mit seinen Trommelschlägen und mit Glas zersingender Stimme beharrlich auf das wirklich Böse aufmerksam. Von klein auf erschließt sich ein ganzes Zeitalter.

Zusammen mit der Novelle „Katz und Maus“ (1961) sowie dem Roman „Hundejahre“ (1963) bildet diese frühe Prosa die „Danziger Trilogie“. Mit ihr hat sich der 1927 in Danzig in kleinbürgerlichen Verhältnissen geborene Autor (die Eltern hatten ein Kolonialwarengeschäft im Stadtteil Langfuhr) in die Weltliteratur geschrieben. „Die Blechtrommel“ wurde auch ausdrücklich genannt, als Grass 40 Jahre später den Nobelpreis für Literatur erhielt. Sie ist das wichtigste literarische Erbe dieses streitbaren, kontroversiellen, großen Autors, der am Montag in Lübeck gestorben ist. Es folgten noch starke Romane wie „Der Butt“ (1977) oder „Die Rättin“ (1986), eine Apokalypse mit Oskar als Nebenfigur. Grass schrieb eine Fülle von Essays, politischen Schriften, auch Dramen und Gedichte, nicht zu vergessen das grafische und bildnerische Schaffen – aber dauerhaft wird wohl vor allem das frühe Prosawerk sein.

Mit siebzehn bei der Waffen-SS

„Wer stirbt hier, ist gestorben?“, heißt es provokant im nur scheinbar naiven, Rilkes Ton imitierenden „Kinderlied“, im Gedichtband „Gleisdreieck“ von 1960. (Ja, Grass war auch ein scharfsinniger Lyriker.) Ein prägender Autor der Bundesrepublik Deutschland ist gestorben. Ein Repräsentant der Weltliteratur ist tot, der hohe moralische Ansprüche stellte, sich politisch exponierte, indem er für den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt Wahlkampf betrieb, der sehr spät, als sein literarisches Können bereits ab- und das Recht-haben-Wollen zunahm, doch noch von der Schwedischen Akademie mit dem höchsten Lorbeer für Dichter bedacht wurde, um dann, mit beinahe achtzig Jahren in seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ en passant zuzugeben, bei der Waffen-SS gewesen zu sein. Mit 15 hatte er sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, um der Enge des Elternhauses zu entkommen. Mit 17 wurde er dann zur 10. SS-Panzer-Division Frundsberg einberufen. Er habe sie als Eliteeinheit gesehen, fand „die doppelte Rune“ nicht anstößig, heißt es in den Erinnerungen.

Was für ein medialer Aufruhr! Nun konnten ihm, der sich als Gewissen der Nation empfand und sich auch selbstbewusst so gab, seine Gegner vorwerfen, dass er mehr als sechs Jahrzehnte über schicksalhafte Verfehlungen seiner Jugend geschwiegen habe. Als Draufgabe lieferte Grass dann noch in hohem Alter ein Gedicht, das gegen Israel gerichtete war: Sein plattes „Was gesagt werden muss“ brachte Grass sogar ein Einreiseverbot Israels ein. Noch einmal gab es einen Proteststurm gegen den greisen Dichter.

Doch Gegner hat dieser Autor nicht gefürchtet. Er verstand sich stets als politisch aktiver Mensch. In der Mitte seines Lebens erwog er sogar, ganz in die Politik zu wechseln. Doch er täuschte sich über seine Rolle, wurde enttäuscht. Brandt, für den er kampagnisierte, dachte nicht daran, Grass tatsächlich in die Politik zu holen, wie man aus dem umfangreichen Briefwechsel der beiden Männer ersieht, der vor zwei Jahren veröffentlicht wurde. Auf 1230 Seiten wird ein ungleiches Verhältnis dokumentiert. Grass pur: fordernd, dozierend, seine Macht überschätzend. Der Dichter bot vehement an, eine Aufgabe in der Regierung zu übernehmen, er wollte sozialdemokratischer Botschafter des Friedens sein. Vergeblich. Brandt, der Ersatzvater, dessen Nähe er suchte, wich aus. Er blieb bei der Kunst. Es folgten noch produktive Phasen, auch wenn die Bücher kaum an den tollen Erstling heranreichten.

Zur Sühne gegen die deutsche Einheit

Grass hat sein Engagement für die SPD 1972 poetisch in „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ verarbeitet. Noch einmal gab es offensichtliche Differenzen mit Brandt, 20 Jahre später, zur deutschen Einheit. Brandt war dafür, Grass strikt dagegen. Das Land solle wegen Auschwitz weiter Sühne tun, schrieb er. Vielleicht hat er sich bei dieser Vergangenheitsbewältigung klammheimlich stets auch selbst gemeint. Sein Schreiben jedenfalls ist gegen das deutsche Vergessen gerichtet, ein Hauptthema bleibt für ihn die Schuld. Grass war ein Mensch in seinem Widerspruch, ein wahrhaft barocker Mann.

„Inwendig reich an Figuren“

Wie soll man ihn in Erinnerung behalten? Als wunderbaren Erzähler, mit überquellender Imagination versehen, als Feuergeist, dem vollen Leben zugewandt, als Musiker und Meisterkoch sogar. Man muss sich Grass beim Schreiben glücklich denken. Seine Biografie im Jahr 2006 endet mit der Vollendung der „Blechtrommel“. Er zieht mit Anna, seiner ersten Frau, und ihren Zwillingen von Paris nach Berlin. Sofort beginnt er wieder zu zeichnen und zu schreiben: „So lebte ich fortan von Seite zu Seite und zwischen Buch und Buch. Dabei blieb ich inwendig reich an Figuren. Doch davon zu erzählen, fehlt es an Zwiebeln und Lust.“