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Von der SS in die SPD: Willy Brandts Wahlkampftrommler

(c) EPA (Barbara Ostrowska)
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Mit Lust und Leidenschaft warf sich Günter Grass in die politische Debatte. Der SPD blieb er trotz aller Kritik stets verbunden.

Im August 1961 hatte die DDR mitten in Berlin die Mauer hochgezogen, und vier Wochen später saß der selbst ernannte Bürgerschreck an der Seite des Berliner Bürgermeisters und SPD-Kanzlerkandidaten im Flugzeug auf Wahlkampftour. So begann die drei Jahrzehnte währende, eher einseitige Freundschaft zwischen Günter Grass und Willy Brandt, dokumentiert in dem 1300 Seiten umfassenden Briefwechsel, der Leidenschaft wie Leiden des Schriftstellers an der deutschen Sozialdemokratie und ihrer Lichtgestalt belegen und mitunter den Überdruss des Politikers an den ungebetenen Ratschlägen des Literaten. „Ich habe keine Lust, ein Wochenende mit ihm zu verbringen“, klagte Brandt intern.

Trotz aller Kritik hatte Grass die Loyalität zu seiner „Es-Pe-De“ stets auf seine Banner geschrieben. Er war zwar erst 1982, am Ende der Ära Helmut Schmidts, offiziell in die SPD eingetreten und rund ein Jahrzehnt später aus Protest gegen die Verschärfung des Wahlrechts wieder ausgetreten. Als Wahlkampftrommler war er jedoch willkommen und verlässlich zur Stelle, wenn die Partei ihn rief. 2005 trat er auf die Bühne des Gendarmenmarkts in Berlin, um im Finish gegen die ungeliebte Angela Merkel für Gerhard Schröder auf die Pauke zu hauen. Zugleich richtete er einen Appell an jüngere Literaten, sich parteipolitisch für die SPD zu engagieren. Später warf er sich selbstverständlich für Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück in die Bresche, er geißelte Oskar Lafontaine als „Verräter“ an der sozialdemokratischen Sache, trat in der Bundestagsfraktion als Einflüsterer auf und als Promi im Willy-Brandt-Haus, der SPD-Zentrale, just neben der Büste des Ex-Kanzlers.

Die SPD stand zu ihm, als der vermeintliche Moralapostel, das selbst stilisierte „Gewissen der Nation“, nach sechs Jahrzehnten in dem Spätwerk „Beim Häuten der Zwiebel“ seine Vergangenheit als SS-Panzerhelfer enthüllte. Sie ließ ihn auch nicht in der Kontroverse um dessen Anti-Israel-Gedicht „Was gesagt werden muss“ fallen, als Jerusalem vor drei Jahren ein Einreiseverbot über ihn verhängte. Mit Verve hatte sich Grass als unbequemer Geist in politische Debatten gestürzt, hatte die NS-Vita von Politikern wie dem CDU-Kanzler Kiesinger angeprangert, und nun stand er auf einmal entblättert da in seiner Doppelmoral.

 

„Mehr Demokratie wagen“

Denn Brandt und die SPD haben Grass manches zu verdanken. Brandts Parole „Mehr Demokratie wagen“ geht auf den Schriftsteller zurück, er forderte den späteren Friedensnobelpreisträger – den er, wie er bekannte, fast wie einen Vater verehrte – zu einer großen Geste bei dessen Polen-Besuch auf, und er feilte mit an dessen Rede bei der Verleihung der Würde in Oslo.

Bei einer 60-tägigen Wahlkampftour kreuz und quer durch die Republik, die im Roman „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ ihren Eingang fand, ließ er sich mit Eiern und Tomaten bewerfen. Als es Brandt 1969 schließlich ins Kanzleramt schaffte, stellte er sich weitgehend taub gegenüber den politischen Visionen. 1971 formulierte Grass bereits Vorschläge für eine Umweltpolitik, die Wiedervereinigung betrachtete er indessen skeptisch – und sie trübte auch die Beziehung zwischen dem gebürtigen Lübecker Brandt und dem Wahl-Lübecker Grass. Björn Engholm, ein weiterer Lübecker Pfeifenraucher und Ex-SPD-Chef, hielt dem Dichter indes bis zuletzt die Treue.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2015)