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Wie Alijew im Gerichtssaal weiterlebt

ALIYEV-PROZESS: SICHERHEIT
AAlijew-PROZESS: SICHERHEIT(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)
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Mit einer Leistungsschau der Justizwache und einer vor kasachischen Namen nur so strotzenden Powerpoint-Präsentation der Anklage startete in Wien der Alijew-Prozess.

Wien. „Mit dem Tod von Rachat Alijew ist das Interesse an seiner Person sogar noch gestiegen“, erklärt Staatsanwalt Markus Berghammer. Die Anklage, die er gemeinsam mit seiner Kollegin Bettina Wallner vertritt, lautet auf Doppelmord. Es ist eine Anklage, die den – eingangs erwähnten – Tod des ursprünglichen Hauptbeschuldigten auszublenden scheint: Der Ex-Botschafter Kasachstans, Rachat Alijew (52), wurde am 24.Februar erhängt in seiner U-Haft-Zelle aufgefunden.

Man hat Dienstagvormittag beim Auftakt des Alijew-Prozesses im Straflandesgericht Wien den Eindruck, die Zentralfigur – Wallner verwendet unzählige Male die ausführliche Namensnennung „Dr. Rachat Alijew“ – sitze höchstpersönlich auf der hölzernen Anklagebank im Großen Schwurgerichtssaal. Der gesamte Powerpoint-Vortrag, mit dem die Anklage ihre Erpressungs- und Mordvorwürfe darlegt, ist rund um die Figur Alijew, also rund um den früheren Schwiegersohn des kasachischen Despoten Nursultan Nasarbajew, aufgebaut. Es wirkt so, als würde der Ex-Diplomat aus Zentralasien in einem Wiener Gerichtssaal weiterleben.

Unscheinbar wirkt jener grauhaarige Herr im dunklen Anzug, der mit Alijews Tod zum eigentlichen Hauptangeklagten wurde und nun von einem geradezu bombastischen Aufgebot der Justizwache abgeschirmt wird: Alnur Mussajew, 61 Jahre alt, früher Chef des kasachischen Geheimdienstes KNB. Mussajew war ein Freund Alijews – Letzterer bekleidete übrigens auch eine hohe Position im KNB. Was aber wichtiger ist: Alijew saß im Vorstand der kasachischen Nurbank. Sie bildet die Kulisse für die Morde. Bei den Opfern handelt es sich um die Banker Zholdas Timralijew, einst Leiter der Kreditabteilung, und Aybar Khasenov, Leiter der Verwaltungsabteilung. Am 9.Februar 2007 sollen sie erdrosselt worden sein, nicht nur von Alijew (zur Klarstellung: Dessen Suizid bedingte automatisch die Einstellung des gegen ihn geführten Verfahrens) und von Mussajew, sondern auch von Ex-Alijew-Leibwächter Vadim Koshlyak (42). Die (verbliebenen) Angeklagten bestreiten dies.

Das Motiv ist laut Anklägerin „klassisch“, nämlich: Geld. In ihrem Eröffnungsvortrag, der vor kasachischen Namen nur so strotzt (einige Geschworene versuchen mitzuschreiben, lassen es dann aber bleiben), meint sie: „Alijew glaubte, alles, was von seiner Bank finanziert wird, gehört ihm.“ Insofern habe er sich über Kreditvergaben an Firmen geärgert, die im Einflussbereich des Bankmanagements standen, von denen er aber zunächst nichts mitbekommen hatte. Den Zorn bekam der damalige Vorstandsvorsitzende der Bank, Abelmazhen Gilimov, zu spüren. Er und eines der beiden späteren Mordopfer, nämlich Timralijew, wurden im Jänner 2007 festgehalten und einem „Verhör“ unterzogen. Dann wurde ausgemacht, dass das Bürogebäude Ken Dala (es gehörte einer solchen Firma, an der Banker Anteile hielten) mit einem kolportierten Wert von 87 Millionen Euro weit unter Preis an eine Alijew nahestehende Firma übertragen werden solle.

Koshlyaks Rolle als Bewacher der beiden Männer wird ihm nun als Freiheitsentziehung, Nötigung und Erpressung angelastet. Das Gebäude wechselte um nur 26 Millionen Euro den Besitzer. Die beiden Männer wurden freigelassen.

Timralijew geriet aber, diesmal zusammen mit Khasenov, erneut in die Fänge von Alijew. Sagt die Anklage. Die beiden sollten demnach ein „Geständnis“ unterschreiben, wonach sie verbotene Finanztransaktionen durchgeführt hätten. Die Sache sei aber nicht so gelaufen, wie Alijew es wollte. Timralijews Frau schlug wegen des Verschwinden ihres Mannes Alarm. Zu spät: Am 9.Februar2007 wurden eben die beiden gefangen gehaltenen Männer getötet. Mussajew soll dabei geholfen haben. Welches konkrete Mordmotiv der Ex-KNB-Boss gehabt haben soll, wird von der Anklage vorerst nicht erläutert.

 

Alijews Witwe meldet sich

Sein Verteidiger, Martin Mahrer, nennt Präsident Nasarbajew als Drahtzieher der Morde. Diese seien Alijew und Co. in die Schuhe geschoben worden. So habe man Oppositionelle ausschalten wollen.

Der Anwalt von Koshlyak, Walter Engler, spricht ebenfalls von einer „konstruierten Tat, die so nie stattgefunden hat“. Die kasachische Führung habe es auf Alijew abgesehen gehabt. Hätte sein Mandant diesen belastet, „würde er nicht hier sitzen, sondern wär' wahrscheinlich kasachischer Vizeaußenminister“. Alijews Witwe begrüßt den Prozess. Ihr Mann habe das Verfahren nutzen wollen, um die „Wahrheit über die zu verabscheuenden Praktiken“ des kasachischen Regimes ans Licht zu bringen, lässt Elnara Shorazova mitteilen. Heute, Mittwoch, wird weiterverhandelt.

Web:diepresse.com/alijew

ALIJEW-PROZESS: DIE ZWEI ANGEKLAGTEN

27 Verhandlungstage wurden von Richter Andreas Böhm für den Geschworenenprozess anberaumt: Zu verantworten haben sich nach dem Tod der Hauptperson Rachat Alijew nunmehr noch der ehemalige Alijew-Leibwächter und Sicherheitsexperte Vadim Koshlyak (42, links) und der kasachische Ex-Geheimdienstchef Alnur Mussajew (61). Letzterer wurde ursprünglich als Zeuge gegen Alijew geführt, später machte man ihn zum Beschuldigten. [ APA ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2015)