Hotels: Designte Tempel

(c) Andre Balazs Properties
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Architekten, Designer, kreative Unternehmer: Das Hotel
als Spielwiese für den ausgeprägten Stilwillen. Sechs Zugänge.

Das Imperium des André Balazs wächst spektakulär. Der ungarischstämmige Boutique- und Kreativhotelier errichtet nicht neben, sondern über der umgewandelten Trasse der New Yorker High Line das neue „Standard“. Ein Bau von Todd Schliemann von Polshek Partnership Architects, der auf Stelzen steht und retro nach International Style aussieht.

Drinnen zieht Balazs ein Konzept durch, das sich ansatzweise in seinen anderen Häusern findet. 20 Etagen klettern quasi die Designepochen hinauf, man trifft auf den Chic der Fifties, auf Bauhaus und skandinavische Einflüsse. Im „Standard“ in Hollywood hatte Balazs seinen Hang für Eames-Design und Andy-Warhol-Zitate bereits ausgelebt, im „The Mercer“ der schlicht-edlen Loft-Kultur gehuldigt und mit dem „Chateau Marmont“ dem Portfolio eine Hollywood-Legende einverleibt.

Improvisation. Wenn der Hotelier am richtigen Platz spart, bleibt nicht nur genug Geld für wirklich wichtige Dinge – Supermatrazen in Rolf-Heide-Stapelbetten –, sondern er leistet auch der Improvisationsgabe des Designers Vorschub. Die handelnden Personen: der Hamburger Hotelzampano Kai Hollmann und der Augsburger Kreative Armin Fischer (3Meta). Ort der Handlung: die famose Superbude in Hamburg. WC-Abzugsglocken mutieren dort zu Garderobehaken, Mausefallen zu Zeitungshaltern, Sofas tragen Jeans. Auf Astra-Bierkisten sitzt es sich gar nicht unbequem, weil gepostert. Die Zimmer und Gemeinschaftsräume der Superbude sind so schlicht wie originell, das spricht eine junge, sparefrohe, partylustige, aber dennoch anspruchsvolle  Zielgruppe an.

Das ästhetische Konzept scheint mit der Welt von Holl-mann auf den ersten Blick wenig zu korrelieren. Erst jüngst eröffnete er „The George“, modernes britisches Understatement auf hanseatischem Boden. Auch das oft ausgezeichnete „Gastwerk“ gehört Hollmann. Dennoch hatte er den richtigen Riecher, Fischer für dieses Hostel-Projekt abermals einzuchecken. Schon beim „25hours“ in Hamburg kollaborierten die beiden erfolgreich, wenn auch unter luxuriöseren Vorzeichen. Vor Kurzem wurde die Superbude mit dem „Best Interior Award“ ausgezeichnet.

Erbe. Im neuen „Romeo Hotel“ in Neapel kommen Vater und Sohn ins Spiel: Im Umbau der Architektur aus den Fünfzigerjahren wirkt der Geist des überragenden, 2005 verstorbenen japanischen Architekten weiter. Tange-Bauten prägten das Bild so mancher italienischen Stadt. Die Neugestaltung des „Romeo“ erfolgte durch Sohn Paul Noritaka Tange. Im Vorjahr eröffnete dieses Haus beim Hafen, schon die Fassade und die Dachaufbauten spiegeln die Lage wider: Im Haus selbst macht sich japanische Reduktion bemerkbar. Tange Associates erzeugten stillere Räume als Bühne für eine Begegnung von internationalem Interiordesign (Möbel von Starck, B & B, Poltrona Frau) mit barocken Plastiken und zeitgenössischer Kunst (Lello-Espo-sito-Skulpturen oder Mario-Schifano-Fotografien).

Vision. Eine bemannte Wolke schwebt Jean-Marie Massaud seit 2005 als futuristisches Reiseobjekt vor. In Zusammenarbeit mit Onera, dem französischen Aerospace Lab, entwickelt der multioptionale Designer eine Art Zeppelin oder besser: einen fliegenden Wal mit allen Annehmlichkeiten eines Hotels im Bauch. 20 Zimmer, Spa, Restaurant und Bibliothek beherbergt dieses noch in Entwicklung befindliche bekannte Flugobjekt. In der „Manned Cloud“ manifestieren sich alle Qualitäten von Massaud, der als Produktdesigner einfach-raffnierte Klassiker entworfen hat, aber zugleich auf ganz anderen Baustellen unterwegs ist: Massaud entwirft ein Fußballstadion für das mexikanische Guadalajara.

Wucht. Hotels gehören nicht zu den angestammten Revieren eines Norman Foster, eher urbanistische Masterpläne, Reichstagskuppeln, Hightech-Towers. Doch vor einigen Jahren wurde der britische Stararchitekt und Buckminster-Fuller-Schüler mit dem Umbau des „The Dolder Grand“ in Zürich beauftragt. Dem Grandhotel im alpinen Zuckerbäckerstil stellte Foster nicht nur zwei geschwungene Flügel an die Seite, die in kaum größerem Bruch zum Rest stehen können. Foster bearbeitete – unter Schonung der Substanz – auch den Kern. „Golf-Wing“ und „Spa-Wing“ bauen sich wuchtig neben dem filigran wirkenden Altbestand auf. Die Idee, gerade Foster mit diesem Grandhotelumbau zu betrauen, fiel auf Basis einer vielleicht noch interessanteren Architektur: Foster bescherte St. Moritz ein außergewöhnliches Appartementhaus.

Fantasie. Marcel Wanders Handschrift ist charakteris-tisch: Der niederländische Designer spielt mit neobarockem Inventar und Ornamentik; ein neuer Postmoderner? Sein jüngster Streich ist das Luxushotel „Kameha Grand“ im Bonner Bogen, im Herbst soll es fertiggestellt sein. Im Hotelumfeld begegnet man Wanders, der es mit einem Sessel (Knotted Chair) in die Designelite geschafft hat, schon seit einiger Zeit. Zuerst gestaltete er für und mit Peter Lute die „Lute Suites“ in Amsterdam, zuletzt hat Wanders im „Mondrian“ in Miami South Beach Hand angelegt. Ein außergewöhnliches Haus, weil es mit dem cleanen Chic solcher Häuser bricht: Interieurs voller Fantasie, lichter Räume – eine Art „Sleeping Beauty’s Castle“. Eine schöne, bunte Vorstellung.


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