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Hühnerhaltung: Ich wollt, ich wär

(c) Christine Ebenthal
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Wo Hennen rennen: zwischen Döblinger Jugendstilfassaden, neben Favoritner Hotelzimmern. Auch in Wien keimt das Interesse für Hühnerhaltung – und für volle Kontrolle über das Ei.

„Eine ist die Chefin. Das ist die Letzte, die isst.“ Christian Zacharnik ist mittlerweile Experte, was Familienleben betrifft. Hühnerfamilienleben, wohlgemerkt. Der Journalist hält seit zwei Jahren sechs Sulmtaler Hennen im Garten seines fesch möblierten Hietzinger Biedermeierlanghauses. Und ist damit selbst ein früher Vogel. Hühnerhaltung in der Stadt ist nach Selbsternteparzellen und Bienenstöcken auf dem Dach offenbar die nächste Form von urbanem Landleben. Oder vielmehr ein Wiederaufleben desselben – „Hühnerhaltung in der Stadt war früher etwas ganz Normales“, sagt Zacharnik. Die Zahl der Stadtbewohner, die nicht nur die Kontrolle über ihr Gemüse haben wollen und selbst ernten, sondern auch über Eier, steigt. „Die Fiona Swarovski mit ihren Paradeisern auf der Terrasse kann ich toppen.“

Der Journalist weiß, welchen Aspekt urbane Hühnerhalter nicht unterschätzen sollten: das Wohlwollen der Nachbarn. „Ich hätte auch gern einen Hahn, aber dann kommt sicher gleich die Polizei.“ Zacharniks Oberhenne übernimmt aber gewissermaßen ohnehin die Funktion des Hahns. „Es ist eigentlich ein Matriarchat. Hähne sind für die Futterplätze zuständig und den Schutz vor Feinden wie Habichten“, weniger für das soziale Gefüge und einen ordentlichen Tagesablauf. Zacharniks prachtvolle Hennen, „es sind ja richtige Matronen“, verzichten nobel darauf, zu nachtschlafener Stunde die Wohngegend wachzukrähen, werden dafür mit Couscous, Mais und Linsen belohnt, fressen außerdem freiwillig unerwünschte Nacktschneckeneier und legen kleine, hellschalige Eier mit maisbedingt dunklem Dotter von nussigem Geschmack. Ein Riesenunterschied zu anderen Eiern, meint Zacharnik. Zwar sind es rassebedingt nicht allzu viele Eier, insgesamt drei bis vier pro Tag, der Bedarf der vierköpfigen Familie ist dennoch mehr als gedeckt.

Lieber picken als politisieren. Ob sich Zacharnik vorstellen könne, eine altersschwache Henne dereinst zu schlachten? „Ich denke, nicht. Dafür sind sie mir dann doch zu sehr ans Herz gewachsen. Sollten sich allerdings die gesellschaftlichen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse bis dahin drastisch ändern, wird das eine oder andere Hendl im Sinn des Selbsterhaltungstriebs schon dran glauben müssen.“

Die sechs Sulmtaler Damen sorgen sich derweil nicht um die Weltwirtschaft, sondern picken und scharren unverdrossen. Und gehen nach vollbrachtem Tagwerk pünktlich zu Bett. In der hintersten Ecke des Gartens haben sie einen Stall mit einer elektronischen Klappe samt Lichtsensor, auf die Zacharnik unübersehbar sehr stolz ist. „Die Hennen gehen immer eine halbe Stunde vor Dämmerung in den Verschlag. Die Klappe geht also in den meisten Fällen dann zu, wenn alle Hennen drin sind. Wenn eine das einmal versäumt, flattert sie instinktiv auf einen Ast und verbringt dort die Nacht.“ Marder gäbe es hier nämlich durchaus, und auch Füchse.

Gassi gehen ohne Leine. Ob diese Raubtiere auch eine Terrasse im ersten Stock zu ihrem Jagdrevier bestimmen, ist freilich fraglich. Die Sozialpädagogin Sonja Spitzer hat darum wohl eine Sorge weniger als Christian Zacharnik. Sie hält in Döbling, inmitten von Jugendstilfassaden, zwei Hennen. Diese haben auf der Terrasse und dem Dach daneben reichlich Auslauf und einen kleinen Stall mit strohgepolsterten Ecken zum Eierlegen. Und sie bekommen ein regelmäßiges Bewegungsprogramm im nahen Wertheimsteinpark. Sonja Spitzer geht mit den Hennen nämlich Gassi. Mit einer Katzentransportbox werden die Tiere in den Park gebracht, wo sie ohne Leine herumlaufen, „in der hundefreien Zone“. Arie, die Braune, sei ein richtiger Satansbraten, eine Diva, ein Partyluder, sagt Spitzer. „Die Weiße, Cosmea, zuckelt eher hinterher, traut sich weniger, ist aber die Beschützerin, die Konstante. Aber sobald ich einmal weg bin und jemand anderer sie betreut, treiben beide Schabernack.“

Nachdem sie die Hennen von einer Freundin übernommen hatte, deren Nachbarin urbanen Hühnerhaltungsambitionen gar nicht wohlgesinnt war, wollte Sonja Spitzer eine Zeit lang kein Hühnerfleisch essen. Mittlerweile ginge das aber wieder, wenn es aus bester Haltung stamme. Dank ihrer zwei Hennen hat Spitzer nun jeden Tag zwei Eier, dieser Legerhythmus sei ziemlich fix, „außer vielleicht bei Schneesturm oder großer Hitze“. Das Futter mit Mais und Gerste lässt sich Spitzer von einem Biobauernhof liefern. Ihre gefiederten Döblinger Damen zählen außerdem zur Rohkostfraktion, lieben Gurkenstücke, die sie mit ihren Schnäbeln in zackigem Techno-Pickmodus aushöhlen, und Karotten sowie Würmer und Insekten aus dem Komposthaufen auf der Terrasse. Den Eierüberschuss schenkt Spitzer weiter oder verarbeitet ihn zu Eierlikör. Was die Qualität der Eier betrifft, ist sie nach einem Jahr Hühnerhaltung schon schlauer: „Man muss sie bei Zimmertemperatur nachreifen lassen, damit sie fester werden und sich der Geschmack verstärkt.“

Kuckuckseier. Insofern würde Sonja Spitzer den Gästen von Essigbrauer Erwin Gegenbauer vermutlich raten, ihr Frühstück einen Tag im Voraus zu planen. In Gegenbauers neuen Wiener Gästezimmern in der alten Essigfabrik im zehnten Bezirk können sich die Gäste nämlich ihr Frühstücksei selbst bei den Hühnern abholen. Bis dato halten Gegenbauer und die Gastgeberin des Minihotels, Katharina Winger, fünf Maranz-Hennen, die schokobraune Eier legen. Man will aber auf die Rasse Mechelner umsteigen, was kompliziert ist und in der Kurzfassung der Gegenbauer’schen Langversion, die ein bisschen Zoll, ein bisschen Amsterdam und ein bisschen wohldosiertes Fluchen enthält, heißt: Die Maranz-Hennen brüten jetzt Mechelner-Eier aus der Schweiz aus, ein Kuckuckseiermodell quasi. „Dann werde ich versuchen, die jetzigen zu schlachten. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, werde mir Pampers anziehen.“ Nachdem Gegenbauer prinzipiell ein Freund der Kreislaufwirtschaft ist, werden seine Hennen mit Malz aus der hauseigenen Bierproduktion sowie mit Ölpellets, etwa von Basilikumöl, gefüttert. „Ich möchte auch einen Hahn haben, ich weiß, ein Lärmproblem, aber ich versuch es. Ein Hahn ist schön, wie wir Männer halt so sind“, sagt er. Und lacht genauso wie die Hühner im Sprichwort.

Balkontauglich. Yamuna Valenta hat ihre zwei Hühner weder aus Amsterdam noch aus der Schweiz, sondern ganz einfach auf willhaben.at gekauft. „Circa zehn Euro habe ich für eines bezahlt.“ Um etwas mehr Geld ist das Diplomprojekt der Angewandten-Absolventin zu bestellen: die Urban Chicken Farm. Valenta hat für ihren Abschluss als Designerin ein balkontaugliches Hühnerhäuschen aus Eternitplatten entwickelt, ursprünglich grau, theoretisch in allen möglichen Farben zu haben. Mit zwei Etagen, einem Windfang mit Hühnerleiter, Sitzstangen, „auf denen schlafen die Hennen“, einem Aussichtsloch samt verschiebbarer Plexiglasscheibe. Das alles ist dank herausziehbarer Bleche ganz leicht zu reinigen. „Der Stall ist nicht aufwendiger zu putzen als ein Meerschweinchenkäfig.“
Viele Flächen in der Stadt sind ungenutzt, Balkone, Terrassen, Hinterhofgärten, dieses Potenzial sollte man besser ausschöpfen, meint die vegetarisch lebende Designerin. Man könne schließlich auch beim Ei die Kontrolle über die Herkunft zurückerlangen.

Über Hühner und deren Gewohnheiten hat sie viel recherchiert, noch immer faszinierend findet sie, dass die Tiere von den Dinosauriern abstammen: „Diese Füße!“ Yamuna Valentas Projekt Urban Chicken Farm wurde von einem Amtstierarzt freigegeben, und Valenta rät generell, sich das Halten von Hühnern in der Stadt absegnen zu lassen. „Hühner sollten mindestens zu zweit gehalten werden.“ Und je nach Eierbedarf. s