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Marx klettert aus seinem Londoner Grab und tritt in Venedig auf

Marxistische Gedanken feiern 25 Jahre nach dem Konkurs des Realsozialismus eine eher ungustiöse Auferstehung aus der Gruft der schlechten Ideen.

Wenn am Abend des 8.Mai in Venedig die Biennale – Europas wohl wichtigste Art-Show – mit dem ortsüblichen Glamour in Betrieb geht, wird sich dem Publikum ein eher eigentümlicher Anblick bieten. Denn im großen Saal des Palazzo delle Esposizioni, dem Herz der Biennale also, werden nicht Kunstwerke im Mittelpunkt des Geschehens stehen, sondern Schauspieler werden laut den gesamten Text von Karl Marx' Hauptwerk, „Das Kapital“, vortragen; samt sämtlichen Fußnoten des je nach Ausgabe knapp 800Seiten schlanken Schmökers. Viel Vergnügen.

Dass Marx ausgerechnet heuer den Ground Zero der Biennale dominiert, hat der gebürtige Nigerianer Okwui Enwezor entschieden, in diesem Jahr künstlerischer Leiter des Festivals. Das entbehrt nicht einer gewissen Delikatesse, da Marx bekanntlich nicht nur Antisemit war, sondern auch für „Neger“ (wie er Schwarze nannte) nur Verachtung übrig hatte. Was ihm freilich in jenem champagnersozialistischen Milieu, dem auch Herr Enwezor angehört, bis heute regelmäßig nonchalant nachgesehen wird.

Und doch spiegelt die Verbeugung des afrikastämmigen Biennale-Machers vor Marx, dem geistigen Ziehvater einer der zerstörerischsten Ideologien des 20.Jahrhunderts, recht präzise jenen unappetitlichen Paradigmenwechsel wider, der in Europa gerade zu besichtigen ist. Denn das Gedankengut von Marx und seinen politischen Epigonen, Mittätern und Nachfahren kriecht gerade wieder aus der Mottenkiste grandios gescheiterter Ideologien hervor, als hätte es die Millionen Toten, die der real existierende Sozialismus in seinen diversen Spielarten auf dem Gewissen hat, nie gegeben.

Mehr noch: Seit in Griechenland – erstmals in einem Mitgliedsland der EU – eine Partei an die Macht gekommen ist, die sich offen zu ihrem marxistischem Charakter bekennt und von zwei halbseidenen Politikern des Typus Gurkenhobelverkäufer repräsentiert wird, hat diese Ideologie quer durch Europa enorm an Strahlkraft gewonnen; völlig ungeachtet ihrer zerstörerischen Wirkung. In dieses Bild passt, dass mittlerweile im deutschen Bundesland Thüringen ein Exponent der Linkspartei, früher als SED das Herz der kommunistischen Diktatur in Ostdeutschland, mithilfe der SPD Ministerpräsident geworden ist und sich auf Bundesebene die Sozialdemokratie für die Wahlen 2017 die Möglichkeit einer Koalitionsregierung mit dieser Linkspartei offenlässt; ins Bild passt ebenso das Erstarken der spanischen Podemos-Partei, einer Art iberischer Syriza-Schwester mit einer gleichfalls deutlich linken Programmatik; und dazu passt das Aufkommen von L'Altra Europa con Tsipras in Italien und des Bloco de Esquerda in Portugal. Und wenn in Österreich retro-rot tönende Klassenkampfrhetorik à la Millionärssteuer vom Friedhof der Ideengeschichte aufersteht und ins politische Tagesgeschäft übersiedelt, kann dies zumindest als Karikatur auf das im restlichen Europa zu diagnostizierende Marxismus-Revival verstanden werden. Vor dem Hintergrund dieser Auferstehung marxistischer Ideologie wird auch verständlich, warum die Auseinandersetzung zwischen griechischer Regierung einerseits und Berlin und Brüssel andererseits dermaßen emotionsgeladen ausgetragen wird.

Denn es geht hier nicht nur um Geld, sondern um einen grundsätzlicheren Konflikt. Syriza-Chef Tsipras und seine vielen europäischen Sympathisanten wollen nichts weniger, als den Kapitalismus und die freie Marktwirtschaft in der Europäischen Union zurückdrängen und dafür ihrer Vorstellung von Sozialismus, camoufliert vom Begriff der sozialen Gerechtigkeit, zum Durchbruch verhelfen. Dass dergleichen im 20.Jahrhundert schon einmal spektakulär gescheitert ist, ficht diese Leute nicht an.

Weist man Kunst die Aufgabe zu, die Wirklichkeit zu verdichten, dann erfüllt Biennale-Chef Enwezor mit seiner monumentalen Verlesung des „Kapitals“ in gewisser Weise diese Aufgabe so präzise, wie das überhaupt nur möglich ist.

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Zum Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des
Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2015)