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Wollen wir mehr Häupls oder mehr Faymanns?

Was darf man als Politiker noch sagen? Besser man sagt nicht mehr allzu viel. Es sei denn, man verfügt über einen großen Fundus vorgefertigter Sprechblasen.

Sie rühmten die Vergangenheit der Partei, ihren Einsatz für die Arbeitnehmer, deren Leistungen beim Aufbau des Wohlfahrtsstaats. Dann wollte ein Teilnehmer der Pressekonferenz im Wiener Rathaus – Typ alter Linker – von Werner Faymann und Michael Häupl wissen, wie es denn zu den Ansprüchen der Sozialdemokratie passe, dass die Lehrer nun zwei Stunden länger arbeiten müssten.

Werner Faymann versuchte es noch ausweichend kurz und knapp, um den eigentlichen Anlass, den 70.Geburtstag der SPÖ, nicht zu konterkarieren: Die Lehrer müssten ja nicht zwei Stunden länger arbeiten, sondern lediglich zwei Stunden mehr unterrichten. Michael Häupl hingegen nahm den Ball auf, die Hände wie gewohnt lässig im Hosensack – und schoss die Wuchtel ins Tor: „Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig.“

Aufregung, Empörung, Parteiaustritte. Hat es früher noch eine Weile gedauert, bis eine Politikeraussage gesickert ist, geht es nun in der Sekunde, da dies der Erste vertwittert, in den Social Media rund. Tenor zumeist – und auch in diesem Fall: Geht's noch? Und: Wie kann er nur? Hätte ein Freiheitlicher solches von sich gegeben, wäre die Erregung freilich noch größer gewesen.

Im richtigen Leben setzte die Empörung dann zwar ein wenig zeitverzögert ein, sie war aber umso heftiger. Sie kam von Häupls eigenen Genossen. Glich Kritik am Wiener Bürgermeister bisher einer Majestätsbeleidigung, meinte nun beispielsweise der SPÖ-Beamtengewerkschaftsvize Peter Korecky: „Behält Häupl diesen Stil bei, sollte sich die SPÖ überlegen, mit welchem Spitzenkandidaten sie in die Wahl geht.“


Michael Häupl hat die Macht seiner Worte unterschätzt. Schließlich ging er davon aus, dass diese dem „Hackler“ da draußen schon gefallen würden, der von den Privilegien des Lehrerstands nur träumen kann. Die meisten SPÖ-Funktionäre sind aber keine Arbeiter mehr. Sie fürchten vor allem, dass die Häupl-Aussage wahltaktisch unklug war und bei den kommenden Landtagswahlen, nicht nur in Wien, zu Stimmenverlusten führen könnte. Auch die Bundespartei, seit Dienstag um Schadensbegrenzung bemüht, dürfte das so sehen.

Aber: Soll ein Politiker sich eben deswegen selbst den Mund verbieten? Soll er nur noch stromlinienförmige, ausweichende Antworten geben, wie „Das muss erst mit dem Kollegen im Parteivorstand besprochen bzw. mit den Kollegen von der Gewerkschaft verhandelt werden“? Werner Faymann ist ein Meister dieses Fachs. Einen verbalen Ausrutscher des amtierenden SPÖ-Chefs muss man mit der Lupe suchen. Ein Bonmot ebenfalls.

Michael Häupl ist da anders. Unlängst leistete er sich sogar ein Bonmot über Werner Faymann: In Sachen Inseratengestaltung vertraue er prinzipiell auf die Ratschläge des Kanzlers: „Weil davon versteht er was.“ Werner Faymann – ausgerechnet – wollte, dass die Länder ihre Ausgaben für Werbung in den Medien reduzieren.

Man kann – und muss – die Art und Weise, wie Michael Häupls Wiener SPÖ den Boulevard mit Millionen Euro füttert, für degoutant halten. Die Machtpolitik der Wiener SPÖ und ihres Bürgermeisters für anachronistisch. Und die Finanzgebarung mit den ausgelagerten Betrieben für hinterfragenswürdig. Aber: Michael Häupl hat auch seine Qualitäten. Im Gegensatz zu den vielen blutleeren Kollegen ist er eine Persönlichkeit – mit Fehlern, aber auch mit Witz. Oder auf gut Wienerisch: mit Schmäh.

Einen davon nun derart aufzublasen ist auch bezeichnend für die heutige Welt der allzeit Empörungsbereiten und schnell Beleidigten. Jedes pointiertere Wort sollte auf die Goldwaage gelegt – und am besten gleich wieder hinuntergeschluckt werden.

Wenn wir wirklich die Politiker haben, die wir verdienen, dann arbeiten wir seit Längerem eifrig daran, den Typus Politiker zu vervollkommnen, der nur noch vorsichtig vorgefertigte Sprechblasen von sich gibt.

Wollen wir also mehr Häupls oder mehr Faymanns? Entscheiden Sie selbst.

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2015)