"Kontrakte des Kaufmanns": Geldströme und Axt-Mord

(c) APA (David Baltzer)
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Uraufführung des neuen Stückes von Elfriede Jelinek in Köln: Die Türen des Zuschauerraumes blieben bei Wirtschafts-Komödie offen. Das Publikum am Schauspielhaus flüchtete aber nicht, sondern war begeistert.

Der grausame und maßlose Gott Dionysos fordert immer neue Opfer, weil „Alt & Doof“ stetig neue Finanzströme in glänzende Bankenpaläste leiten. Herakles ist kein starker Held, sondern eine global tätige, mächtige Briefkastenfirma, die Erspartes in dunklen Kanälen verschwinden lässt. Am Schluss metzelt ein Anleger, der das Familienvermögen verspielt hat, seine Angehörigen mit der Axt nieder. Ein wahrhaft archaischer Mord, und ein Fall, der sich in Österreich tatsächlich ereignet hat.

Die letzten 15 Seiten sind die stärksten der Uraufführung von Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“, seit Donnerstagabend im Kölner Schauspiel. Dieses ist bedeutend größer als das Akademietheater, wo vor einem Monat die „Urlesung“ des neuen Werks der Literaturnobelpreisträgerin stattgefunden hatte. Dennoch waren in Köln gegen Schluss die meisten Besucher wieder versammelt, die sich zwischendurch vor den Wortströmen auf ein Bier gerettet hatten. Wie im Akademietheater blieben auch in Köln die Türen des Zuschauerraums offen. Die Uraufführung dauerte rund dreieinhalb Stunden.

Das Geld hat „Spiel und Spaß“

Wie in Wien hat Nicolas Stemann inszeniert und fulminante Bilder für Jelineks Textfläche gefunden (mit Bühnenbildnerin Katrin Nottrodt und der Videokünstlerin Claudia Lehmann, Kostüme: Marysol del Castillo). Jelinek stimmt eine große Schmährede an den Kleinanleger an, der sich einbildet, er könne an globalen Finanzspielen mitnaschen, 15 Prozent einstreifen und damit seine Pension auffetten. Mündelsicher bitte. Dabei „haben Sie ja gar kein Mündel“ und können bloß den eigenen Hals nicht vollkriegen. Das ererbte Einfamilienhaus ist mit Hypotheken belastet, doch von den diversen Kanal- und Karibikinseln kommt nichts zurück. Das Geld arbeitet zwar, hat „Spiel und Spaß“, aber am Ende ist nichts übrig, schon gar kein Trost für Pflegeheim und Siechenhaus. Auch die Enkel schauen durch die Finger.

Stemann reiht laute und leise Illustrationen aneinander. Eine alte Frau bekommt Euro-Tableaux aus Karton über den Kopf gestülpt und kann hernach ihr Rotweinglas nicht mehr zum Mund führen. Es gibt Klaviermusik und Trauerchöre. Dicke Eisenrohre, welche die Bühnenbauten zu halten scheinen, stürzen krachend herab und erschlagen beinahe die Akteure. Ballons schweben über die Szene. Der größte platzt nach einem Schuss. Wölfe fressen Schafe und Schauspieler. Zwei Mädchen, als Spekulanten verkleidet, bewegen sich zu Sprüchen zweier Männer, die wie Bauchredner agieren. Aus 100-Euro-Scheinen werden 20-Euro-Scheine, und mit mancherlei Taschenspielertricks wird ein Herr aus dem Publikum zu Spenden animiert. Oh Wunder, er findet die 50-Euro-Note in der Brieftasche. Womöglich ist er ein Regieassistent gewesen, für den Trick eigens abgerichtet.

Immer wieder Uraufführungen

Trotz des Feuerwerks szenischer Effekte wird zwischen Seite 30 und 60 die Zeit infolge vieler Wiederholungen lang. Insgesamt sind es 99 Seiten Text, die bewältigt werden müssen. In Wien bei der „Urlesung“ war es mehr. Jelinek hat den Text, der damals eher durch die wirtschaftlichen Ereignisse überholt wirkte, aktualisiert. Der in Wien viel strapazierte Meinl-Mohr ist kaum mehr vorhanden. Vielleicht drohte eine Klage. Von dieser ist jedenfalls im Text kurz die Rede.

Nach Wien und Köln darf sich das Thalia Theater in Hamburg, das der ehemalige Burgtheater-Dramaturg Joachim Lux übernimmt, an Jelineks schadenfroh, dialektisch-materialistischer, man darf ruhig sagen: kommunistisch beseelter Abrechnung mit dem viel gehassten Kapitalismus delektieren. Da immer neue Passagen wegfallen oder hinzukommen dürften, kann es auch immer wieder eine Uraufführung geben. Das mag als Persiflage der sonderbaren Uraufführungswut der Theater angesehen werden, die Autorentexte „verschleißen“, ohne dass sie bald wieder anderswo nachgespielt werden.

Jelinek und Stemann lassen aber auch das gute alte Stegreiftheater wiederaufleben – als „schnelle Eingreiftruppe“, die aktuelle Ereignisse unmittelbar und sofort auf die Bühne stellt – und wieder verschwinden lässt. Das wünschen sich Jelinek und Stemann laut Programmheft, und es ist keine schlechte Idee. Nur sollte bei weiteren Marathontexten auch das Publikum ein wenig mittanzen dürfen. Nebenbei hat Stegreif ja auch traditionell die Funktion gehabt, die Zensur zu umgehen. Der neue Stegreif könnte auf klagefreudige Anwälte zielen. Ja, dieses Jelinek-Stück, das in Wien noch etwas schematisch wirkte, hat das Zeug, das vom verstorbenen Einar Schleef am Burgtheater herausgebrachte „Sportstück“ einzuholen und ein echtes Event zu werden. Events fehlen der Bühnenkunst. Skurril genug, wenn ausgerechnet das kunstferne Wirtschaftsthema sie ihr verschafft. Das runde Dutzend Schauspieler (darunter: Maria Schrader, Franziska Hartmann, Therese Dürrenberger, Benjamin von Blomberg, Sebastian Vogel) schien jedenfalls in Köln mit Lust an der Sache, als gäbe es nichts Lohnenderes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2009)

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