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Pop

Wanda: Die neue No. 1 vom Wienerwald

KONZERT: WANDA
KONZERT: WANDAAPA/GEORG HOCHMUTH
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Großer neuer Austropop: Die Wiener Band Wanda füllte den Gasometer mit Euphorie und tiefer Traurigkeit. Vor ihr begeisterte der stillere Nino aus Wien.

Ich will nicht gehen!“, rief Marco Michael Wanda am Ende, verschwitzt und atemlos, glücklich und traurig zugleich: „Ich will nicht gehen! Ich habe keine Frau zuhause. Warum soll ich gehen?“

Ja, warum eigentlich. Selten spürt man bei einem Sänger so sehr, dass er auf die Bühne gehört, dass er dort ist und leibt und lebt. (Gerade Maurice Ernst, der Sänger von Bilderbuch, der zweiten großen aktuellen österreichischen Band, fällt einem spontan ein, aber der badet nicht so hemmungslos in seinen Stimmungen und der Menge.) M.M.Wanda, dieser junge Mann, herausgefordert durch die narzisstische Kränkung früh beginnender Kahlheit, die Liebe und das Leben im Allgemeinen, getrieben durch Euphorie, die jederzeit in Verzweiflung kippen kann, und tiefe Traurigkeit, die jäh in wilde Lebenslust umschlagen kann, muss einfach die Hüften schwingen, sein Brusthaar entblößen, sich auf den Boden werfen, ins Publikum springen und sich auf Händen tragen lassen.

Schnaps! Und nein, es ist nicht peinlich. Es ist auch nicht peinlich, wenn er singt: „Ich will zum Himmel fahren, so schnell es geht.“ Wenn er seiner Geliebten schwört: „Es ist egal, ob die Jelinek in der Zeitung steht oder im Regal, solange ich bei dir bin, ist's egal.“ Wenn er, in „Wenn ich zwanzig bin“, dem vielleicht besten der allesamt guten Songs seiner Band, brüllt: „Ich fall in ein tiefes Loch, in ein tiefes Loch hinein. Baby, hilf mir raus!“ Oder, noch sentenziöser: „Wenn du mich liebst, gib mir Schnaps!“

Schnaps, dieses perfekt lautmalerische Wort für das so widerliche wie willkommene Wirkungsgetränk, ist wohl nicht M.M.Wandas letztes Wort, aber ein wichtiges: „Ich sauf keinen Schnaps“, verspricht er in „Wo du warst“, „ich sauf einen Pistolenlauf.“ Und der Untreuen sagt er im selben Song voraus: „Einmal willst du leben in Rom, einmal willst du nach Berlin, einmal willst du leben auf Hawaii, sterben wirst du leider in Wien, da g'hörst du hin.“ Diese halbschwarze Wiener Seele ist nahe am Wasser gebaut, und nahe am Wein, und sie presst, wie sich's gehört, Rock'n'Roll aus sich selbst. Mit diesem altväterlichen Wort lässt sich auch die Musik von Wanda notdürftig beschreiben, man kann auch sagen: In ihren größten Momenten klingt diese Band wie die Rolling Stones um 1972, in ihren auch noch ganz guten wie Wolfgang Ambros' Begleitband, die „No. 1 vom Wienerwald“, in ihrer Blüte, also in den späten Siebzigern. Alles ziemlich retro, aber damit muss man heute offensichtlich leben. Die von Beginn an euphorische Menge im prall gefüllten Gasometer zeigte, dass sie gewillt ist, damit gut zu leben, sang nicht nur die Schlüsselwörter („Amore!“, „Bologna!“, „Schnaps!“) lauthals mit, gab Marco Michael Wanda die Liebe, die er braucht. Die Euphorie gleich dazu. Gut so. Mindestens zwei Stück Mädchenunterwäsche flogen auf die Bühne, die Band revanchierte sich mit Bierdosen. Wie gesagt: Rock'n'Roll.

Punk! Nino Mandl warf nicht mit Getränken, sprang auch nicht ins Auditorium, sprach und lächelte langsam. Dieser verträumt, fast verhuscht aussehende Bursch, der sich Der Nino aus Wien nennt, sucht nicht wie Wanda die Nähe der Menge. „Es gibt Menschen, es gibt Freunde, aber meistens sind es Leute“, ist eine seiner Schlüsselzeilen, eine andere lautet: „Du erlebst nur, was in dir lebt.“ Doch just mit dieser – nie posenhaften – Introvertiertheit zog er selbst Feierlaunige in seinen Bann; und wer nicht – wie leider viele – heftig plauderte, freute sich an der ernsten Komik von Liedern, in denen z.B. Paare zueinander finden, weil er jeden Tag zum Psychiater und sie jeden Tag in den Prater geht, das reimt sich gut. Oder in denen die Punk-Geschichte auf eine genial rätselhafte Formel gebracht wird: „Der Untergang vom Ku-Klux-Klan, das war der Tod von Johnny Ramone.“ Knapp darauf rief Nino, der sich wie einst der junge André Heller ganz tief als Spätgeborener fühlt: „Was sollen wir noch singen? Es ist doch schon alles gesungen!“

Mag sein. Aber dieser glückliche Abend im Gasometer bewies: Man kann es immer wieder neu singen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2015)