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Alexandra Grausam: Junge Kunst statt Schulbücher

Alexandra Grausam im neuen Heim des Weißen Hauses, einem ehemaligen ÖBV-Schulbuchlager im Souterrain einer Schule in der Hegelgasse.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Früher als geplant musste das Weiße Haus aus dem Finanzamt ausziehen. Ab Dienstag gastiert Alexandra Grausams wandernder Kunstverein im ersten Bezirk.

Vor dem Eingang des großen grauen Gebäudes in der Hegelgasse 14 zwischen Stadtpark und Schwarzenbergplatz stehen junge Leute. Künstler? Als alle gleichzeitig wieder im Haus verschwinden, wird klar: Schüler; das Haus ist die Schule, die es immer war. Wo ist dann das Weiße Haus? Ein paar Meter weiter vom Haupteingang winkt jemand aus dem Souterrain durchs Fenster.

Ja, sagt Alexandra Grausam wenig später bei einem Häferl Kaffee, ein Schild oder Hinweis würde noch fehlen. Auch sonst ist einen Tag, bevor die neue Location eröffnet wird, noch einiges ein wenig unfertig. Farbe, Putz und Lampen stehen noch auf dem Boden, ein Handwerker tilgt die letzten Spuren des Wasserschadens, den man im letzten Moment entdeckt hat.

Es ist die sechste Station in der Geschichte des Kunstvereins, der fünfte Umzug für das Weiße Haus. Eigentlich, sagt Alexandra Grausam, hätte man am letzten Ort, einem Ex-Finanzamt in der Kriehubergasse in Margareten, drei Jahre bleiben sollen. Zu Weihnachten kam dann der Anruf, dass man doch früher raus müsse, weil das Haus für eine Schule, deren Stammsitz renoviert wird, gebraucht werde. Grausam griff wieder einmal zum Telefonhörer, fand wieder einmal ein offenes Ohr bei der Bundesimmobiliengesellschaft BIG. Nun residiert man in einem Gewölbe, in dem einst der (immer noch) benachbarte Schulbuchverlag ÖBV seine Druckwerke ausgeteilt hat.

Das bedeutet auf den ersten Blick vor allem: Eine drastische Verkleinerung für den Verein, der sich seit jeher der Präsentation junger Künstler verschrieben hat. Statt etwa je tausend Quadratmetern auf zwei Stockwerken (zuletzt im Finanzamt) stehen nun nur noch 240 Quadratmeter zur Verfügung. Das habe, sagt Grausam, durchaus seine Vorteile (ganz abgesehen davon, dass es besser zum Budget passe): So sei das Weiße Haus nun zum ersten Mal seit dem namengebenden, wirklich weißen Haus in der Westbahnstraße auch von außen sichtbar. Das mag ihm ein wenig vom Nimbus des Geheimnisvollen, nur Insidern Bekannten nehmen (in der ehemaligen Finanzsektion in der Wollzeile fuhr man etwa per Lastenaufzug in den 4. und 5. Stock samt Terrasse) – könnte aber, so die Hoffnung, dafür neue Neugierige anziehen.

Und weil der neue Ort immer auch das Programm bestimmt, hat sich die ausgebildete (und aktive) Restauratorin passend zur neuen Kleinheit eine Komprimierung und Verdichtung verordnet: Statt 27 Künstlern (wie bei der letzten Ausstellung) gibt es ab Dienstag, im Rahmen des Kunsthallen-Mottos „Destination Wien“, nur fünf zu sehen. Übrigens jene fünf Künstler und Theoretiker, die zuletzt im Residence-Programm des Weißen Hauses gelebt und gearbeitet haben. So hat etwa die Belgierin Elien Ronse in Wien bei Privatpersonen übernachtet und ihre Schlafplätze dokumentiert, der Brite Samuel Dowd über willhaben.at erstandene Möbel zu Skulpturen verbaut, das Kollektiv Metasitu Souvenirs begutachtet (und Freud-Memorabilien vermisst).

 

Raum für Studios gesucht

Eben jenes Studio- und Residence-Programm ist der Verkleinerung allerdings vorerst zum Opfer gefallen. „Derzeit gibt es dafür keine Unterkunft“, sagt Grausam, ohnehin längst eine Expertin für Leerstände in der Stadt. Andererseits: „So wird endlich einmal wahrgenommen, dass bei uns nichts sicher ist.“ Freilich, trotzdem eine Art Institution zu werden, sei schon bei der Gründung 2007 das Ziel gewesen. Man sei kein Offspace, meint Grausam. „Bei Offspaces stehen oft Künstler und Kuratoren dahinter, die ihre eigene Kunst zeigen wollen. Die meisten überleben nicht mehr als drei Jahre.“

Beim Weißen Haus sind es bald acht. Kürzlich habe sie ihrem Vorstand und dem neu gegründeten Beirat die Frage gestellt, ob es überhaupt noch Berechtigung habe, erzählt Grausam. Die Antwort fiel eindeutig aus, „das hat mich gefreut“. Nun ist sie neugierig auf das Publikum in der neuen Ecke des Ersten. Aus der Wollzeile kennt man Vernissagengeher, „die um halb sieben kommen, aber auch bald wieder gehen. Sonst sind wir ja eher ein Ort, wo die Leute kommen – und bleiben.“

Zur Person

Alexandra Grausam wurde 1973 geboren und ist Restauratorin. 2007 gründete sie mit Elsy Lahner (heute Albertina) den vazierenden Kunstverein Das Weiße Haus, seit 2011 führt sie ihn allein. Ab heute, Dienstag, an einem neuen Ort, im Souterrain einer Schule. Noch gesucht werden eine neue Location für das 2013 gegründete Residence-Programm sowie Unterstützer für den Umzug. Ausstellung: „Interlaced Structures“ im Rahmen von „Destination Wien“. Di–Fr 13–19 Uhr, Sa 12–17 Uhr. www.dasweissehaus.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2015)