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Abschied vom universellen Intellektuellen

Günter Grass war der Prototyp des Mahners und Weltendeuters. In der Rolle der „moralischen Instanz“ hat er sich freilich schwer überhoben: Warum wir Intellektuellen gern zuhören, obwohl wir sie eigentlich peinlich finden.

Mit Günter Grass ist nicht nur ein preiswürdiger Schriftsteller und engagierter politischer Beobachter zu Grabe getragen worden. Mit seinem Tod ist vielmehr eine Epoche zu Ende gegangen, so hieß es in vielen Verlustanzeigen der vergangenen Tage. Das ist richtig, denn mit Günter Grass wurde im deutschsprachigen Feuilleton nicht weniger als ein moderner Sozialtypus verabschiedet – nämlich der Intellektuelle.

In seinem Leben, in seinem Engagement und politischen Wirken verkörperte Grass noch einmal den Typus des universellen Intellektuellen. Was charakterisiert diese Figur? Grass hat es beispielhaft vorgemacht: Der universelle Intellektuelle greift in die öffentliche Diskussion ein oder stößt sie gar an; er kämpft für Gerechtigkeit und universelle Normen; er vertritt die allgemeinen Interessen und verkörpert so etwas wie das ideelle Gesamtgewissen der Nation.

 

Aufklärer und Richter

Er ist, wie es in vielen Nachrufen auf Grass so schön hieß, Mahner und Warner in einer Person. Vor allem aber ist er ein Mensch, der das Monopol für Aufklärung und Emanzipation erfolgreich für sich reklamiert, der oftmals in die Rolle des Richters schlüpft und darüber entscheidet, welche Diskurse gefördert und welche geächtet werden müssen.

Diesem Impuls verdankten sich in den vergangenen Jahrzehnten viele Debatten. Ein herausragendes Beispiel war der sogenannte Historikerstreit, der 1985/86 in der Bundesrepublik Deutschland ausgetragen wurde.

Jürgen Habermas hatte ihn mit einer Kritik an dem Historiker Ernst Nolte losgetreten. In Noltes Arbeiten vermutete Habermas den Willen zur Relativierung des Holocaust – und schnell entspann sich eine öffentlichkeitswirksame Debatte darüber, ob sich in der Kohl-Ära ein konservativer Richtungswechsel im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs über die NS-Zeit ereignet hätte.

Andere Intellektuelle wiederum opponierten gegen „Denkverbote“ aus dem linksliberalen Spektrum. So provozierte Martin Walser in seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998 mit seiner Aussage, Auschwitz werde als Moralkeule missbraucht und zu politischen Zwecken gegen Deutschland eingesetzt. Von deutschen Leitmedien ist er regelmäßig, nicht anders als Grass, als „moralische Instanz“ bezeichnet worden.

Gerade Grass hat dies immer gern gehört. Dass er sich mit dieser Rolle – wie viele andere Intellektuelle – schwer überhoben hat, wurde im Zuge seiner SS-Affäre deutlich. Es entstand der Eindruck, dass sich sein ganzer Ehrgeiz darauf beschränkt hätte, immer auf der richtigen Seite mitzumarschieren: vor 1945 in der Waffen-SS, später dann in der Friedens- und Ökologiebewegung.

 

Kämpfen für eine gute Sache

Der prototypische Intellektuelle ist freilich nicht Grass oder Walser, sondern Jean-Paul Sartre. Dessen Interventionen gegen den Algerien- und Vietnamkrieg illustrieren im Übrigen den naheliegenden Verdacht, dass der Intellektuelle in erster Linie dem Protest ein Gesicht gibt, aber keine neuartigen Einsichten vermittelt. Sartres Engagement für die Inhaftierten der Roten-Armee-Fraktion in Stammheim verdankte sich wohl eher nicht höherer philosophischer Weisheit, sondern dem Gefühl, für eine gute Sache zu kämpfen.

 

Der Glaube an die Vernunft

Um Wissen und Erkenntnis geht es beim Intellektuellen auch gar nicht, er ist nicht zu verwechseln mit dem Experten. Der Intellektuelle operiert als quasi-politischer Akteur in der Sphäre der Öffentlichkeit. Seine außeralltäglichen Leistungen im Brotberuf (als Physiker, Schriftstellerin oder Zoologe) dienen eher als eine Art Breitbandlegitimation für das politische Engagement – für welche Seite auch immer.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu, selbst ein furioser Kritiker des Neoliberalismus, hat seine eigene Kaste, die Intellektuellen, davor gewarnt, im Dienst an der Sache die Vernunft zu verraten. Bei aller Distanz zu den Intellektuellen spricht aus dieser Warnung noch immer die Vorstellung, diese könnten tatsächlich die Vernunft repräsentieren. Dies mag nicht zuletzt der hohen Wertschätzung geschuldet sein, die Intellektuelle in Frankreich traditionell genießen. Namen wie Zola, Sartre, Foucault, Glucksmann oder Bernard-Henri Lévy stehen dafür.

Die Illusion, der Intellektuelle sei per se kritisch und in normativer Hinsicht ungebunden, schwebe also gleichsam über den Dingen, hatte der Soziologe Karl Mannheim in den 1920er-Jahren aufgebracht. Mannheim hatte sich gefragt, wie denn eine überparteiliche Wahrheit in einer durch Interessen zersplitterten Welt überhaupt noch möglich sei. Diese Wahrheit kann nur der „sozial frei schwebende Intellektuelle“ erkennen, lautete seine Antwort. Es ist offensichtlich: Der Intellektuelle entstammt dem Rollenrepertoire des 18. Jahrhunderts, als der Glaube an die Vernunft noch ungebrochen war und die Wirkung der Vernunft eindeutig schien. In dieser Zeit war die Gesellschaft hierarchisch geschichtet, mit Kaiser, Adel und Klerus an der Spitze. Im Bereich des Geisteslebens regierten die Intellektuellen. Der Kaiser musste gehen, die Intellektuellen sind uns geblieben.

Heute ist die Figur des Intellektuellen eigenartig ambivalent geworden. Einerseits sind Intellektuelle für demokratische Gemeinwesen unentbehrlich, weil sie Debatten anstoßen und damit Prozesse öffentlicher Verständigung erzwingen. Gerade in unserer gegenwärtigen Zeit eines politischen Neo-Biedermeiers fehlen sie uns.

 

Skepsis gegenüber Propheten

Andererseits erscheint uns die Figur des Intellektuellen aufgrund ihrer Nähe zum Propheten doch reichlich unzeitgemäß. Ob wir es uns eingestehen oder nicht: Wir hegen ein tiefes Unbehagen gegenüber Leuten, die als Sinnstifter und Weltendeuter auftreten. Aber warum eigentlich?

Aus soziologischer Perspektive kann die Antwort nur lauten: Dieses Unbehagen resultiert aus unserer Skepsis gegenüber dem Modell einer einheitlichen Repräsentation, denn dieses hat sich in vielen Gesellschaftsbereichen überlebt. So ist an die Stelle der Monarchie die Herrschaft der vielen getreten, an die Stelle der Staatsreligion der Wertepluralismus, an die Stelle der Kernfamilie eine bunte Vielfalt von Lebensformen, an die Stelle des Propheten eine Unmenge an Experten und Gegenexperten. Und da sollen wir glauben, dass Vernunft und Gewissen in einer Person lokalisiert sein können?

Dass es heute noch Intellektuelle gibt, verdankt sich vor allem unserer verzweifelten Hoffnung, es möge doch jemanden geben, der gleichsam von der Spitze der Gesellschaft herab das chaotische, komplexe und immens beschleunigte Geschehen überblickt und uns mit einer klaren Richtungsbestimmung versieht.

Deswegen werden die Sloterdijks und Prechts immer Konjunktur haben – auch wenn wir die Attitüde des Intellektuellen eigentlich eher peinlich finden.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Alexander Bogner
(*1969 in München) studierte Soziologie an den Universitäten Salzburg, Marburg und Frankfurt am Main. Seit 2011 arbeitet er am Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Seine jüngstes Buch: „Gesellschaftsdiagnosen. Ein Überblick“, Beltz Juventa). [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2015)