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Mythos Gallipoli: Wie die Türkei ihre Geschichte verändert

Symbolbild: Krieger-Denkmal vor türkischen Flaggen
Symbolbild: Krieger-Denkmal vor türkischen Flaggen(c) EPA (Tarik Tinazay)

Erst ein australischer Film machte für die Türkei ihren Sieg in Gallipoli bedeutsam. Aber bis heute biegt sie sich ihre "Märtyrer" von 1915 zurecht.

„Allah, lass ein vom Islam geprägtes Land nicht ohne Muslime sein.“ Als Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan diese Zeile aus dem populären Gedicht „Dua" von Arif Nihat Asya zitiert, ist sein Gesicht gleichzeitig auf allen türkischen TV-Sendern zu sehen. Grund dafür ist der Kurzfilm „Die 100-jährige Saga“, der anlässlich des 100. Jahrestages des „Krieges von Çanakkale“ erschienen ist. Er handelt von der erfolgreichen Abwehr der australischen und neuseeländischen Truppen durch das osmanische Heer am 25. April 1915. Die einstigen Feinde pilgern seither jährlich zu Tausenden in die Provinz Çanakkale auf der Halbinsel Gallipoli, dem Schauplatz der Kämpfe. Die Türkei entdeckte das Datum erst später für sich - und arbeitet bis heute am „passenden“ Mythos.

>>> Gallipoli: Der australische Mythos

Im Frühjahr 1915 steht die „jungtürkische“ Regierung (bestehend aus dem Triumvirat Talât Paşa, Cemal Paşa, Enver Paşa) unter Druck: Gerade haben die osmanischen Truppen am Kaukasus eine herbe Niederlage erlitten, auch in Nordpersien und am Suezkanal werden Schlachten verloren. Als im April die türkische Halbinsel Gallipoli zum Schlachtfeld mutiert, wird ihr Durst nach einem Sieg endlich gestillt. Die Seeoffensive der alliierten Truppen am 18. März endet für diese desaströs. Als auch die Bodenoffensive am 25. April abgehalten wird, ist der osmanische Jubel gewaltig – und der Startschuss zur Mythenbildung abgegeben.

Der 18. März wird umgehend zum Gedenktag des „Krieges von Çanakkale“ – der einzigen Schlacht, den die spätere Türkei im Ersten Weltkrieg gewinnt. Und sie wird zum Wendepunkt: Die Osmanen befinden sich fortan nicht mehr im Weltkrieg, sondern im „Abwehrkampf“. Mit Gallipoli sei die islamische Welt vor dem „imperialistischen Westen“ gerettet worden, gibt die Regierung aus. Der österreichisch-ungarische General Joseph Pomiankowski hält dazu fest: „Die bisherige Unsicherheit und die moralische Depression verschwanden und machten einem ostentativ zur Schau getragenen Optimismus und Selbstbewusstsein sowie einem überaus brutalen Chauvinismus Platz.“

Mustafa Kemal AtatürkEPA

Die Jungtürken verschweigen dabei allerdings, dass die erfolgreiche Abwehr der Alliierten ohne die Hilfe deutscher Truppen nie möglich gewesen wäre. Betont wird stattdessen die Leistung Mustafa Kemals. Der Divisionskommandeur hat (unter anderem) den Sieg herbeigeführt („Ich befehle euch nicht, anzugreifen, ich befehle euch zu sterben“) und sich im „Befreiungskrieg (1919/22) tapfer geschlagen. Er gründet die moderne Türkei, wird ihr erster Präsident und zum Atatürk („Vater der Türken“). Um seinen Aufstieg kometenhafter erscheinen zu lassen, verbinden seine Anhänger die beiden Kriege kurzerhand: Bis heute stellt das „Çanakkale-Denkmal“ auf Gallipoli die „Märtyrer“ von 1915 als Vorkämpfer der 1923 proklamierten Republik dar.

Versuch der religiösen „Umpolung“

Dann wird es ruhiger um den 18. März, bis Peter Weir 1981 den Film „Gallipoli“ dreht. In Australien und Neuseeland bricht Begeisterung aus, thematisiert der Streifen doch die „Geburt ihrer Nation“ oder zumindest die erste Militäraktion ihrer Truppen am 25. April („Anzac Day“). Tausende brechen zu „Pilgerreisen“ in die Türkei auf, Politiker halten Reden, Aufmärsche finden statt. Der Ansturm rüttelt auch die Türkei wach. So hält etwa der frühere türkische Anglistik-Dozent Kenan Çelik in der Zeitschrift „Turkish Policy Quaterly“ fest: „Es ist vernünftig, zu fragen, ob die Türken Gallipoli heute besuchen würden, hätten die Australier nicht damit begonnen.“

Aus dem dezenten Gedenken an den 18. März wird ein Spektakel am 25. April – unter Beigabe einer Prise Religion. So setzt nicht zuletzt Erdoğans Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) viel daran, aus dem eigentlich gemischten Heer „tief religiöse“ Soldaten zu machen, die auszogen, den Islam gegen die „Kreuzritter“ zu verteidigen. Auf der Halbinsel reihen sich fortan Hinweistafeln an Friedhöfe an Mahnmäler an Museen. In einem der neuesten davon, dem 2012 eröffneten „Kabatepe Simulation Center“, werden Atatürk-Zitate mit Briefen in Verbindung gebracht, in denen Eltern von Soldaten bitten, die Feinde des Islam zu bekämpfen. Briefe ohne religiöse Bekenntnisse werden nicht angeführt. Auch fehlt ein Hinweis darauf, dass Atatürk die Trennung zwischen Kirche und Staat vollzog, Kritik an Mohammed übte und 1929 in einem Interview sagte: „Der Türke war von Hause aus kein Muslim.“

Türkische Infanterie
Türkische Infanterie(c) imago

Umsiedlung als „Kollateralschaden“

Eine weitere Selektion in der türkischen Betrachtung der Geschichte betrifft das Schicksal der christlichen Armenier, deren „Umsiedlung“ die osmanische Regierung 1915 anordnete. Die ersten Verhaftungen der armenischen intellektuellen Elite in Konstantinopel fanden am 24. April statt, auf „Todesmärschen“ und bei Massakern verloren bis zu 1,5 Millionen Menschen ihr Leben. Die Türkei aber anerkennt den Völkermord bis heute nicht; die Toten begründet sie mit (Weltkriegs-)Kämpfen, Seuchen und Hungersnöten.

Besonders gewagt erscheint daher auch die „Vorverlegung“ des Gallipoli-Gedenkens durch Erdoğan in diesem Jahr: Der Ministerpräsident ordnete zum 100-Jahr-Jubiläum der Schlacht zahlreiche Feierlichkeiten an, die ihren Höhepunkt weder am 18. März noch am 25. April, sondern am 24. April finden sollen. Das „freudige Erinnern“ der Australier und Neuseeländer an die „Geburt“ ihrer Nationen bzw. das „stolze Zurückblicken“ der „modernen Türken“ an ihren einzigen Sieg im Ersten Weltkrieg, wird somit als Ablenkung von jenem Tag benutzt, an dem in Armenien des Genozids gedacht wird.

Schlacht von Gallipoli

Im Ersten Weltkrieg (1914-1918) stand anfangs die „Entente“ bestehend aus Frankreich, Russland und Großbritannien dem „Zweibund“ aus Deutschland und Österreich-Ungarn gegenüber. Im Verlauf der Kämpfe traten immer mehr Staaten in den militärischen Konflikt ein, auf Seite der Alliierten etwa Italien, auf Seite der Mittelmächte das Osmanische Reich und Bulgarien.

Im Frühjahr 1915 wurde die Meerenge bei der türkischen Halbinsel Gallipoli zum Austragungsort von Kämpfen. Die Entente-Mächte wollten diese besetzen und sie als Ausgangsbasis für die Eroberung der osmanischen Hauptstadt Konstantinopel nutzen. Am 18. März 1915 begannen die Alliierten eine Seeoffensive, die von den Osmanen mit deutscher Hilfe gewonnen werden konnte. Am 25. April folgte eine Landoffensive. Die Alliierten schickten dabei erstmals auch australische und neuseeländische Soldaten in den Kampf. Den Türken gelang die erfolgreiche Abwehr, es folgte ein zermürbender Stellungskrieg. Den letzten Versuch, Gallipoli zu gewinnen, wagten die Alliierten am 21. August mit den Angriffen auf Hügel 60 und den Scimitar-Hügel – abermals erlitten sie eine Niederlage. Ihre letzten Einheiten verließen Gallipoli am 9. Jänner 1916.