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Nächstenliebe, Anstand und Vernunft

Die EU hadert mit dem Flüchtlingsproblem.

Und was, wenn es überhaupt keine Lösung der Flüchtlingsproblematik gibt? Diese bange Frage stellten sich am gestrigen Donnerstag vermutlich nicht wenige Teilnehmer des Sondergipfels in Brüssel. Denn in Anbetracht der Umwälzungen im Nahen Osten und in Afrika, angesichts der Kriegswirren und Gewaltexzesse, erscheinen gut gemeinte Absichtserklärungen zur Befriedung der Unruheherde ebenso naiv wie leere Drohungen an die Menschenschmuggler. Wer durch das Purgatorium gegangen ist, um ans Mittelmeer zu gelangen, lässt sich von den Risken der Überfahrt nicht mehr abschrecken.

Was also soll Europa tun? Sich als Erstes von illusorischen Hoffnungen auf eine umfassende Lösung verabschieden und anschließend auf drei abendländische Kardinaltugenden besinnen: Nächstenliebe, Anstand und Vernunft. Die Karitas gebietet, Menschen aus der Seenot zu retten – auch wenn dies mehr als reine Grenzsicherung kosten sollte. Anstand wahren soll die EU im Umgang mit jenen, die in ihrer Heimat dem Tod entronnen sind – für anerkannte Flüchtlinge muss es in Europa einen Platz geben. Und die Vernunft? Die EU braucht über kurz oder lang unternehmungslustige Neuankömmlinge, um Wohlstand zu sichern und zu mehren. Wer bereit ist mitanzupacken, sollte in Europa willkommen geheißen werden.

michael.laczynski@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2015)