Geschichte: Die Vandalen sind los!

roter Himmel
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Waren die Vandalen wirklich so blutrünstig? Diesem Mythos gehen Wiener Historiker in einem FWF-Projekt auf den Grund.

Am 25.März dieses Jahres verwüsteten in Schottland unbekannte Täter die Villa von Fred Goodwin, dem Exchef der Bank of Scotland. Er hatte 2008 nach Milliardenverlusten gehen müssen, wollte aber nicht auf seine üppige Pension verzichten. In einer Art Bekennerschreiben rechtfertigten die Täter ihr Handeln mit der Wut auf die Reichen. Und diese „Vandalenakte“ seien erst der Anfang, mutmaßte der Kommentar des ORF online.

Vandalismus ist also ein Synonym für sinnlose Zerstörungswut. Ein Begriff, der während der Französischen Revolution geprägt worden ist und sich auf das Volk der Vandalen, auch Wandalen geschrieben, bezieht. Zu Recht? Waren die Vandalen, die im 2. Jahrhundert n. Chr. in Schlesien, Ungarn und Rumänien auftauchten, sich mit den Römern anlegten und 534 wieder spurlos von der historischen Landkarte verschwanden, wirklich so schlecht wie ihr Ruf? Waren sie tatsächlich fanatische, blindwütige Zerstörer, was ihnen zumindest seit dem Mittelalter nachgesagt wird?

„Nein, waren sie nicht“, so Roland Steinacher vom Institut für Mittelalterforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), der gemeinsam mit Walter Pohl vom Institut für Österreichische Geschichtsforschung an der Uni Wien mit diesem über Jahrhunderte tradierten Klischee aufräumen und der wahren vandalischen Identität auf die Spur kommen will. Im Rahmen des bis 2010 laufenden FWF-Projektes „Die Geschichte der Vandalen“ wird das „Volk“ der Vandalen von einem neuen Blickwinkel aus betrachtet. Der Neuansatz: Ethnische Identitäten sind nichts einmalig Festgelegtes. Die Identität der Völker entwickelt sich im Laufe der Geschichte, ist also etwas extrem Wandelbares.

„Ethnizität wird heute als historischer Prozess verstanden. Es gab kein wanderndes, einheitliches und fertig formiertes Volk der Vandalen, noch waren die Vandalen unzivilisierte Kulturzerstörer“, erklärt Roland Steinacher. Die Völkerwanderung im 4.Jahrhundert – wahrscheinlich ausgelöst durch das Eindringen der Hunnen – wird in den Geschichtsbüchern meist als durchgezogener Pfeil von der pannonischen Tiefebene über West- und Südeuropa bis nach Afrika dargestellt. Historisch unkorrekt, wie sich nach neuesten Studien herausgestellt hat. „Es hat sich nicht um einen großen, geschlossenen Zug der Völker gehandelt, die plündernd durch die Lande gezogen sind, sondern das Ganze hat sich in Etappen mit kleinen Kampfverbänden abgespielt“, so Steinacher.


Platz an der Sonne. Ein Verbund aus Gruppen verschiedener Provenienz, Vandalen, Sueben und Alanen – Letztere sind ein iranisches Volk, von dem die im heutigen Kaukasusgebiet lebenden Osseten abstammen –, brachen etwa 400 n.Chr. auf, um auf römischem Boden ihr Glück zu versuchen, setzten 406 bei Mainz über den Rhein und drangen in Gallien ein. Ihr Ziel: Sie suchten in der Macht- und Geldelite des römischen Imperiums ihren Platz an der Sonne – also ein möglichst arbeitsfreies Leben im Stil der römischen Oberschicht.

Um das gemeinsame Zusammenleben von Römern und Vandalen zu gestalten, mussten neue Formen geschaffen werden. Eine Form war der Föderatenvertrag. Die Vandalen durften siedeln, mussten aber Kriegsdienst leisten.

408 zog der alanisch-suebisch-vandalische Verband weiter nach Spanien und begründete dort verschiedene kurzlebige Staatswesen. Mehrere verlustreiche Kämpfe mussten gegen die Goten geschlagen werden. Im Zuge dessen kam es zu einer massiven Umgruppierung der Ethnien. Die Vandalen schluckten andere Gruppenteile wie die Alanen. Diese zogen weiter nach Nordafrika, wo sie 439 im heutigen Tunesien auf römischem Boden ein Königreich errichteten.

„Die Truppen, die in Afrika ankamen, waren längst nicht mehr die gleichen, die 406 über den Rhein setzten“, sagt Steinacher. „Es handelt sich erstens um eine ganz andere Generation und zweitens haben sich dem Treck während der vierzigjährigen Wanderung römische Deserteure, entflohene Sklaven und Abenteurer angeschlossen.“ „Multikulti“ gab es also schon damals. Der Königstitel „Rex Vandalorum et Alanorum“ verdeutlicht die Komplexität der multiethnischen Gruppen.


Multikulti in der Antike. Im Jahr 455 plünderten die Vandalen-Alanen unter ihrem König Geiserich Rom. „Das war kein Piratenzug, sondern ein Eingreifen in die höchste Ebene der Reichspolitik.“ Der Kaiser Valentinian III. hatte Geiserichs Sohn seine Tochter Eudokia versprochen. Als der Kaiser 455 ermordet wurde und Petronius Maximus auf den Thron kam, sahen dessen Pläne aber ganz anders aus. Sein Sohn Palladius sollte nun Eudokia heiraten. Ein Machtspiel, das sich Geiserich nicht gefallen lassen wollte. So fiel er 455 in der Hauptstadt ein. 533/34 sollte aber der Traum vom „römischen Lebensstil“ für die Vandalen-Alanen jäh zu Ende gehen. Byzantinische Truppen unter Belisar, Feldherr von Kaiser Justinian, zerstörten das Königreich. Von da an scheinen die Vandalen und Alanen in den Quellen nicht mehr auf.

„Ethnische Identität war also ein politisches Instrument, das meist bunt gemischte Gruppen, die sich eventuell alter Namen bedienten und ins römische Reich kamen, benutzten, um sich damit eine eigene politische und soziale Stellung zu geben, die es ihnen überhaupt erst ermöglichte, eine Rolle spielen zu können“, erklärt Steinacher. Das gilt für die Vandalen im besonderen Maße.