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Ein Schulmeister wäre für Aufklärung

Akten sollen belegen, dass der frühere „Presse“-Herausgeber Otto Schulmeister mit der CIA zusammenarbeitete. Das verlangt Aufklärung, auch wenn diese unser Bild von ihm verändert.

Auf den ersten Blick möchte man sich angesichts der „profil“-Enthüllungen über die Zusammenarbeit zwischen dem verstorbenen „Presse“-Chefredakteur und Herausgeber Otto Schulmeister und dem CIA der Position anschließen, die Gerd Bacher vertritt: Es ist ehrenhafter, sich während der Auseinandersetzungen des Kalten Krieges aufseiten der USA und damit der freien Welt engagiert zu haben als aufseiten des Sowjetregimes. Unentgeltlich und aus Überzeugung.

Auf den zweiten Blick ist das nicht so einfach: Wenn es stimmt, was laut „profil“ in den Akten steht, dass sich nämlich Schulmeister von der CIA Einschätzungen diktieren ließ und, was schwerer wiegt, auf Anweisung der CIA die Veröffentlichung unliebsamer Informationen unterdrückte, ist das aus heutiger Sicht nicht zu rechtfertigen. Dennoch wird man Schulmeister, was die Frage nach dem Ethos betrifft, zugute halten müssen, dass er sich von der CIA zurückzog, als seine Überzeugungen und die der Amerikaner nicht mehr zur Deckung zu bringen waren.

Wie schon im „Fall Zilk“ geht es jetzt um Aufklärung. Es kann nicht sein, dass man jetzt wieder darüber diskutiert, ob es statthaft sei, Menschen „anzupatzen“, die sich nicht mehr wehren können. Die Neubewertung von historischen Ereignissen und Persönlichkeiten bei Bekanntwerden bisher nicht zugänglichen Archivmaterials ist die Aufgabe von Historikern. Dagegen zieht kein Pietätsargument, im Gegenteil: Gerade die Pietät verlangt es, sich um eine faire, angemessene Einschätzung unter strenger Beachtung der Regeln der Wissenschaft zu bemühen. Das beinhaltet auch und vor allem die Einordnung in das historische Umfeld.

Anders als der Bundeskanzler, der nach Veröffentlichung der Zilk-Akten seine Aufgabe darin sah, für die Aufrechterhaltung eines der SPÖ genehmen Zilk-Bildes zu sorgen, ist es unser Interesse, ein möglichst realistisches Bild vom Wirken des legendären „Presse“-Herausgebers zu bekommen. Es kann sein, dass uns dieses neue Bild weniger gut gefällt als das, das wir haben. Jedenfalls aber wird es ein vollständigeres Bild sein.

Als wir die Vorabmeldung des „profil“ auf der „Presse“-Website veröffentlichten, trug uns das den Vorwurf ein, die „Presse“ wasche mit ihrer Berichterstattung „ihre eigene Schmutzwäsche in aller Öffentlichkeit“. Aus unserer Sicht ein unberechtigter Vorwurf. Wir halten es auch nicht für eine moralische Großtat, den „Fall Schulmeister“ so zu behandeln wie den „Fall Zilk“ – auch wenn man Unterschiede wie jenen, ob Geld geflossen ist, nie ausblenden darf. Und sollte der „Fall Schulmeister“ eine ideologische Wiedergutmachung für den „Fall Zilk“ sein, wäre das einfach nur infam.

Der Fall hat auch einen aktuellen Aspekt: Der Generalverdacht, Medien agierten im Auftrag mächtiger Organisationen im Hintergrund, hat Hochkonjunktur, wie viele Userreaktionen auf die Veröffentlichung der „profil“-Geschichte zeigen. Wer den IrakKrieg verteidigte, wird als CIA-Büttel denunziert, wer nicht in den Begräbnischor auf den Kapitalismus einstimmt, muss sich als Agent des Großkapitals beschimpfen lassen. Ersparen können wir uns diese Diskussion aber genau so wenig wie eine konsequente Debatte über die Rolle Schulmeisters und anderer einflussreicher Medienleute in der Nachkriegszeit.



michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2009)