Brigitte Ederer: "Der Kapitalismus ist in einer tiefen Krise"

Brigitte Ederer
Brigitte Ederer(c) Clemens Fabry
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Eines der ganz seltenen Beispiele eines "Queraussteigers": Ederer wurde in der SPÖ groß, lenkte die Partei gar als Bundes-Geschäftsführerin, bevor sie überraschend in den Vorstand der Siemens AG wechselte.

In Frankreich werden Manager von Arbeitern in Geiselhaft genommen, sie werden mit Eiern und Tomaten beworfen. Wie geht es Ihnen in Ihrem Job?

Brigitte Ederer: Ich bin wahrscheinlich robuster, weil ich in meinem früheren Leben als Politikerin viel Aggressivität erlebt habe. Aber wir Manager leben derzeit auf sehr dünnem Eis. Es gibt eine undefinierbare Wut gegen Eliten, die für mich in dem Ausmaß neu ist. Früher gab es eine intellektuelle Auseinandersetzung, jetzt ist es schlicht Wut.

Verstehen Sie die Wut?

Ich kann sie nachvollziehen, und wir müssen mit dieser Wut umzugehen lernen. Wenn wir alle in sozialem Frieden leben wollen, dann muss man in der nächsten Zeit glaubwürdige Zeichen setzen, dass die Krise nicht nur von einem Teil der Menschen getragen wird, sondern alle – die Manager und die Eliten – ihren Teil beitragen.

Mit Zeichen setzen, meinen Sie da etwa die von der SPÖ geforderte Vermögens- oder „Reichensteuer“?

In diese tagespolitische Diskussion möchte ich mich nicht einmischen. Aber die Krise muss ja irgendwie bezahlt werden, und deswegen müssen wir uns auf sehr unliebsame Zahlungen einstellen.

Wären Sie bereit, statt 50 Prozent Einkommensteuer, sagen wir, 55 Prozent zu bezahlen und dem Staat noch mehr von Ihrem Bonus zu geben?

Man muss hier differenzieren. Nationale Alleingänge bringen wenig. Ich kenne Leute – nicht hier bei Siemens –, die beziehen ihr Einkommen in der Slowakei, weil sie dort in Euro bezahlt werden, aber weniger Steuern abführen müssen. Nationale Alleingänge halte ich daher nur für bedingt sinnvoll. Man muss europaweit, mit den USA und den großen Industrieländern, zu gemeinsamen Lösungen kommen, die international wirken.

Etwa die Gewinne aus Aktien höher zu besteuern?

Wenn man eine internationale Lösung zusammenbringt. Ich will das aber nicht im Detail diskutieren. Es wird in den nächsten Monaten vieles vorgeschlagen werden. Aber man muss die Maßnahmen international abstimmen, wenn man sozialen Frieden will, sonst machen sie wenig Sinn.

Ist der Ansatz der SPÖ, Besserverdiener stärker zur Kasse zu bitten, ein Schritt hin zum sozialen Frieden?

Gott sei Dank haben wir in Österreich noch keine radikale Situation. Da geht es um die Frage: Besteuert man Vermögen in einem Land? Unbestritten ist, dass wir im internationalen Vergleich eine ganz geringe Vermögensbesteuerung haben.

Aber dafür haben wir im internationalen Vergleich eine ganz hohe Mehrwert-, Einkommen- und Lohnsteuer.

Das muss man natürlich in einem Gesamtpaket sehen. Man kann nicht einfach sagen: Ich will eine Vermögenssteuer. Einen erhöhten, national geregelten Höchststeuersatz halte ich für einen Blödsinn, weil man ausweichen kann. Eine Vermögenssteuer oder eine höhere Grundsteuer – das alles braucht ein Gesamtpaket. In den USA gibt es beispielsweise höhere Vermögenssteuern, dafür geringere Einkommensteuern. Bei all dem muss aber klar sein, dass die Einkommensstärkeren – gerade auch wegen der Symbolik – ihren Beitrag zur Krise leisten.

Besserverdiener zahlen ja schon relativ hohe Steuern. Sie bezahlen sicher für einen Großteil ihres Einkommens mehr als 50 Prozent Steuern.

Man muss der Radikalisierung entgegentreten, und das kann man nur, wenn es klare Signale und Beiträge gibt. Da ist es zu wenig, wenn die Frau Ederer sagt, ich zahl eh 50 Prozent Steuern.

Was müsste die Frau Ederer denn sagen, damit es ihre Arbeiter akzeptieren?

Die Leute akzeptieren schon, dass Manager gut verdienen, wenn sie dafür auch etwas leisten. Das ist nicht das Thema. Es geht um die Auswüchse der Vergangenheit. Die werden in Zukunft viel weniger akzeptiert werden. Wenn es allen gut geht und Wachstum da ist, nimmt man das vielleicht noch zur Kenntnis. Wenn es aber zurückgeht und es nur einigen gut und vielen schlecht geht, ist die Gefahr von Verteilungskämpfen schnell da.

Und wie wirkt man dem entgegen?

In Europa wird es in den nächsten Jahren Anstrengungen geben müssen, um die Defizite wieder zurückzuzahlen. Die Einkommensstärkeren, die Eliten, müssen einen deutlichen Beitrag leisten. Und zwar einen, der diese Wut nicht weiter steigert, sondern dämpft. Wenn die Politik es nicht schafft zu zeigen, dass jeder dafür bezahlt, dann wird es eine Radikalisierung der Gesellschaft geben.

Trägt nicht die SPÖ mit ihrer Diskussion über die stärkere Besteuerung der Reichen dazu bei, die Stimmung aufzuheizen?

Die Stimmung ist schon aufgeheizt. Die Geiselnahmen in Frankreich werden von der Bevölkerung mehrheitlich unterstützt, Griechenland ist auch sehr heikel. Großbritannien – man muss sich das vorstellen, dass man einer Berufsgruppe sagt, geht nicht im Anzug zur Arbeit, sonst habt ihr ein Problem. Das sind klare Zeichen für eine Radikalisierung. Eine solche Diskussion, wie sie die SPÖ führt, ist eher ein Ventil, das Dampf ablässt.

Wie weit spielt denn bei der ganzen Debatte der Neidfaktor mit?

Der spielt natürlich eine Rolle. Ich glaube aber nicht, dass es um Neid im engeren Sinn geht. Es geht um eine Wut, die man nicht kanalisieren kann. Wenn bei einem Teil der Bevölkerung die Aufstiegsträume platzen, sie um ihren Arbeitsplatz zittern müssen, ihr Geld verlieren, und bei anderen ist das nicht so, dann führt das zu einem Amalgam aus Enttäuschung, Neid und Zukunftsangst. Bei Neid geht es noch darum, dass man sich vergleichen kann. Aber hier geht es ja teils um Summen, die die Vorstellungskraft überschreiten.

Apropos: Haben Sie sich als Kind aus Floridsdorf je vorstellen können, so viel zu verdienen?

Nein, nicht einmal im Entferntesten.

Fühlen Sie sich deswegen manchmal schlecht?

Nicht wegen des Einkommens, weil es dafür klare Entscheidungen des Aufsichtsrats und des Eigentümers gibt. Aber manchmal, wenn ich spontan Einkäufe tätige, dann habe ich ein schlechtes Gewissen.

Wegen der Höhe des Ad-hoc-Einkaufs, oder weil sie es machen können?

Ich mache es manchmal, wenn ich in der Innenstadt spazieren gehe. Ich kaufe etwas, nicht, weil ich es brauche, sondern weil es mir gefällt. Da überkommt mich manchmal ein schlechtes Gewissen.

Was sieht Ihre Idealgesellschaft aus? Eine, in der alle Menschen gleich viel verdienen?

Dieses System hat schon abgedankt. Und alle anderen großen Wirtschaftstheorien geraten durch die Krise auch ins Wanken. Was mir wirklich Sorgen bereitet, ist, welchen Weg man einschlagen sollte. Dass alle gleich verdienen, da ist mit Füßen und Rädern abgestimmt worden, dass wir das nicht wollen. Jetzt wird gerade über das nächste System abgestimmt. Das will man so auch nicht.

Ist der Kapitalismus tot?

Nein, aber er geht durch eine tiefe, schwere Krise. Noch ist nicht klar, wie das Ergebnis am Ende aussieht.

Was wäre ein besseres System?

Das ist der Punkt und eine gute Frage. Ich weiß es nicht.

Funktioniert das System nicht gerade deswegen, weil jemand, der eine Wohnung hat, ein Haus möchte und jemand, der einen VW fährt, einen Mercedes fahren will?

Wenn das stimmt, was Sie sagen, wäre das doch traurig. Ich habe manchmal den Eindruck, Eigentum belastet, weil es auch Verantwortung bedeutet. Wenn Ihre Theorie stimmt, dann haben die Menschen offensichtlich wirklich keine anderen Inhalte in ihrem Leben.

Wie geht es Ihnen in Ihrer sozialistischen Seele . . .

. . . sozialdemokratischen . . .

. . . in Ihrer sozialdemokratischen Seele, wenn Sie als Managerin bei Siemens Menschen entlassen müssen?

Das ist sehr schwer. Die momentane Wirtschaftssituation ist für jeden, der Verantwortung trägt, extrem schwierig. Das ist psychisch belastend. Es ist bedrückend, wenn Mitarbeiter abgebaut werden müssen, weil Menschenschicksale dahinterstehen. Ich empfinde diese Situation als eine der schwierigsten in meiner beruflichen Laufbahn.

Gibt es einen inneren Konflikt zwischen der Sozialdemokratin und der Managerin?

Sozialdemokratie heißt ja nicht, dass man alle wirtschaftlichen Strukturen, die nicht profitabel sind, erhält.

Die Vergangenheit hat da aber durchaus andere Beispiele.

Ja, aber auch die Sozialdemokratie hat ihre Lektionen gelernt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2009)

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