Sonntagsspaziergang: Arbeiterbub, Österreichischer Meister im Crosslauf, Landeshauptmann - Gerhard Dörfler ist von seiner Karriere selbst überrascht. Dass er außerhalb Kärntens als Witzfigur gilt, kränkt ihn.
Es gebe für ihn drei Arten des Laufens, sagt Gerhard Dörfler. Das „kreative Laufen“, dabei habe er Geistesblitze wie das verpflichtende Vorschuljahr, „Kärnten baut“ und natürlich „Kärnten läuft“. Dann das „philosophische Laufen“, da sinniere er über Gott und die Welt. Und dann jene Art des Laufens, bei der er an gar nichts denke.
20,7 Kilometer lang ist seine Laufstrecke entlang des Flüsschens Tiebel, von der Quelle oberhalb von Himmelberg bis zur Mündung in den Ossiacher See. Diesmal ist der Himmelberger dort, mitten im Wald, als Spaziergänger unterwegs. Läufer, Reiter, Radfahrer kommen ihm entgegen. Gerhard Dörfler kennt nahezu jeden. Eine Unternehmerin aus Feldkirchen fällt ihm um den Hals: „Ich freu mich ja noch immer so für dich!“ Und fast wie bestellt ruft ihn auch noch Franz Klammer am Handy an: „Ja, Francesco!“, sagt Dörfler. Es geht um ein abendliches Treffen mit Fritz Strobl und Steffi Graf.
In seiner Jugend ist Dörfler selbst Sportler gewesen. Läufer. 3000 Meter, 5000 Meter, 10.000 Meter. Seine Paradedisziplin war der Crosslauf, da war er 1973 Österreichischer Meister. Später organisierte er Laufevents. Für sein erstes großes, gemeinsam mit der ORF-Legende Sigi Bergmann veranstaltetes, hatten ihm noch 30.000 Schilling gefehlt. Er wandte sich an den damaligen Landesparteisekretär der FPÖ, Jörg Haider. Tags darauf war das Geld da. Der Beginn einer langen Freundschaft.
Der NS-Bauernführer. In der Nähe von Himmelberg, in Seitenberg, ist Dörfler auch aufgewachsen. In ärmlichen Verhältnissen. Mit sieben Geschwistern. Der Vater war Lkw-Fahrer und eigentlich Sozialdemokrat. Als Kreisky die Partei übernahm, brach er mit der SPÖ, denn dieser hätte für die Arbeiter nichts mehr übriggehabt. Politisch beeinflusst wurden die Dörflers aber auch vom Arbeitgeber des Vaters, dem Sägewerksbesitzer Reinhold Huber, Mitbegründer der FPÖ, Obmann der Kärntner Partei und Vater von Kriemhild Trattnig. „Er war der erste soziale Freiheitliche“, erinnert sich Dörfler. Er habe ihm als Ferialpraktikanten den gleichen Lohn bezahlt wie seinen Angestellten. „Und uns den Lkw auch für den Hausbau geliehen.“ Über seine Nazi-Vergangenheit – Reinhold Huber war NS-Bauernführer in Kärnten – habe er nie gesprochen. Es hat ihn auch keiner danach gefragt.
Mit 17 Jahren trat Gerhard Dörfler der FPÖ bei, „auch weil mich das Wort Freiheit fasziniert hat“. Er absolvierte eine Bankkaufmannlehre, brachte es zum Volksbank-Filialleiter in Ossiach, wechselte später zur Villacher Brauerei und leitete danach die Schleppe Brauerei in Klagenfurt, ehe ihn Jörg Haider als Landesrat engagierte.
Traumjob Lkw-Fahrer. Er hätte nie gedacht, eines Tages Landeshauptmann zu werden, sagt Dörfler. „Lkw-Fahrer wie mein Vater, das war mein Traum als Kind.“ Gerhard Dörflers Stärke ist seine unprätentiöse Volksnähe. „Ich bin ein Normaler“, sagt er selbst. Der bodenständige Dörfler ragt nicht aus der Masse heraus wie der weltgewandte Jörg Haider. Er ist tatsächlich so etwas wie der Primus inter Pares, der Erste unter Gleichen. Die orange Bauarbeiterjacke, als Straßenbaulandesrat sein Markenzeichen, habe er bewusst getragen, „um den Arbeitern ihre Würde wiederzugeben“. Denn ein Straßenbauer sei zuvor „nichts wert gewesen“.
Ob es ihn stört, wenn er außerhalb Kärntens als Witze-Dolm dargestellt wird? „Ja. Ich finde das respektlos.“ Aber trägt er nicht selbst immer wieder dazu bei, zuletzt mit dem Satz, Frauen seien zu sensibel für die Politik? Das sei, wie so oft, im Interview verkürzt wiedergegeben worden, rechtfertigt sich Dörfler. Er habe gesagt, Frauen in der Politik seien sensibler als Männer. Und das sei nichts Schlechtes. Er habe größten Respekt vor Bürgermeisterinnen wie Sonya Feinig (SPÖ, Feistritz/Rosental) oder vor Ex-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer. Er sei nur gegen das „Quotendenken“. Wirklich leid tue ihm der Sager vom „gesunden Volksempfinden“ – darauf hat sich Dörfler einmal in der Debatte um zweisprachige Ortstafeln berufen. „Ich weiß nicht, wie mir das passieren konnte.“
Dörfler kommt an einem Brennnesselhain vorbei, bedeutungsvoll weist er darauf hin. Dass ihm seine Frau, die in einer Bank arbeitet und nun in Altersteilzeit ist, abends, wenn er heimkomme, Brennnesselsuppe serviere, wie er in besagtem Interview auch gemeint hat, dazu stehe er: „Das ist ein echtes Frühlingsgeschenk.“ Er pflücke sie mitunter auch selbst.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2009)