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Der neue Ehrenkodex: „Junge Männer zuerst“

Auf der Flucht nach Europa bleiben Frauen und Kinder zurück. Sollte man sie beim Bleiberecht bevorzugen?

Auf hoher See kam Mitte des 19. Jahrhunderts ein Ehrenkodex auf, der als „Birkenhead Drill“ bezeichnet wird, benannt nach einem Schiff, das nach dieser neuen Regel evakuiert wurde: „Frauen und Kinder zuerst“, lautete die Devise in zivilisierten Zeiten. Vor dem Sinken sollten zuerst die Schwächeren in Sicherheit gebracht werden. Der Begriff wurde zunächst in einem Liebesroman verwendet. Eine unsensible deutsche Reaktion sah darin nur die „übergroße Rücksicht gegen das schöne Geschlecht“.

Dieser Drill hat sich seither nur als Ausnahme erwiesen. „Gender, social norms, and survival in maritime disasters“, eine schwedische Studie von 2012, die 18 große Unglücksfälle aus hundert Jahren analysiert, kommt zu einem schockierenden Ergebnis: Mitglieder der Crew überleben das Sinken eines Schiffes bei Weitem häufiger als Passagiere, die Chancen von Frauen, sich in Beiboote zu retten, sind sogar nur halb so groß wie die ihrer männlichen Schicksalsgenossen. Offensichtlich gilt in Extremsituationen zumeist doch das Recht des Stärkeren.

Darf man vor diesem Hintergrund auch in der Flüchtlingstragödie, die im Mittelmeer immer größere Ausmaße annimmt, fragen, warum auf den Bildern mit den Geretteten fast ausschließlich Männer zu sehen sind? Dieser subjektive Eindruck entspricht auch objektiv den Statistiken. Drei von vier Asylsuchenden in Österreich sind derzeit männlich. Es kann aber nicht bedeuten, dass Frauen (und Kinder) in den Krisen- und Kriegsgebieten weniger gefährdet sind, sondern wohl nur, dass die Menschen mit besseren Überlebenschancen von ihren Familien nach Europa geschickt werden.

Ihre Flucht, die von an Profit interessierten Schleppern begleitet wird, bis zu dem Punkt, an dem die Festung EU im Mare Nostrum versucht, die Landung in Europa strategisch zu verhindern, erinnert tatsächlich auch an eine Art Krieg. Wenn die Europäische Union nun versucht, dem Dilemma zu begegnen, indem sie die Mittel für Hilfe und Abwehr erhöht, und sofort über Quoten für Asylanten zu verhandeln beginnt, müsste auch ein bescheidener Vorschlag erlaubt sein, der vielleicht zur Veränderung der Flüchtlingsströme führen kann, wenn er in den Herkunftsländern publik wird:

Warum sollten nicht Frauen, Kinder und Familien zumindest bei Erteilen des Bleiberechts bevorzugt behandelt werden? Auch das wäre eine Quote, also Eingeständnis politischer Ratlosigkeit, aber auch die bisherige Praxis ist nicht gerecht. Drei Männer, eine Frau. Der Ehrenkodex des noch jungen 21. Jahrhunderts bei der Massenflucht lautet: Junge Männer zuerst. Die Alten und Schwachen bleiben zurück. Eine unmenschliche Konvention.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2015)