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Macht macht Sprache

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(c) Die Presse - Clemens Fabry

Es lebe die Krise, die hält auf Trab! Wider die Zumutungen des vernebelungstaktischen Begriffsmülls unserer Finanzkünstler: ein Wortschwall als Antwort.

Man muss ja bedenken, dass ein funktionierender Markt auch eine Mobilitätsreserve in Formvon zeitweilig Arbeitslosen und/oder zeitweilig leer stehenden Wohnungen benötigt, denn manmuss die Arbeitslosen ja irgendwo hineintun, sonst stehen sie im Eck oder am Eck und spielen Geige“ (Elfriede Jelinek, „Neid“). Dieser Umgang mit den „Arbeitslosen“, die man „irgendwo hineintun“ muss, diese Objektivierung, Objektmachung, die in Elfriede Jelineks Texten immer dort auftaucht, wo Verhältnisse beschrieben werden, die eben das mit den Menschen machen, sie von handelnden Subjekten in Objekte transformieren, die allerhöchstens noch beamtshandelt werden, ist kraftvoll und treffsicher. Man könnte zu dem Schluss kommen, es sei ohnehin schon alles gesagt, von Elfriede Jelinek nämlich, und man könne den Schreibladen gleich zusperren. Und das wäre womöglich gar nicht so falsch. Auch wenn mir persönlichdie Option des Geigenspielens an der nächsten Ecke nicht offensteht. –Ich hatte andere Optionen:Ich habe Physik studiert, und in meiner Beschäftigung mit den Verwerfungen der andauernden Finanzkrise habe ich gelernt,dass mir mit meiner Ausbildung goldene Zeitenim Bereich der Modellierung und Risikoabschätzung von Derivatprodukten hätten blühen können, hätte ich diese Chance nur genutzt. Die in der naturwissenschaftlichen Ausbildung trainierten Fähigkeiten zu Strukturierungund Abstraktion prädestinierten mich zu solchen Tätigkeiten, und dass Modelle nur Modelle sind und höchstens so gut wie die Grundaxiome, auf denen sie aufbauen, wäre für mich als Physikerin ebenso selbstverständlich wie für die Menschen, die tatsächlich diese sogenannten Risikoabschätzungen in Formelform bringen und die, sollten ihre Modelle der Wirklichkeit nicht standhalten, was nicht selten geschieht, achselzuckend auf diesen Umstand hinweisen können: Das Modell ist immer nur so gut wie die Grundannahmen, und wenn die zu weit von der Wirklichkeit entfernt sind, dann sind die Risikoabschätzungen, die mithilfe des Modells errechnet werden können, eben leider, leider wenig aussagekräftig. Haben wir Ihnen ja gleich gesagt.

Die Finanzwirtschaft, die uns die Krise eingebrockt hat – in unheiliger Allianz freilich mit von ihr selbst so effizient beratenen Regierungen –, hat diese bekanntermaßen ja längst wieder hinter sich gelassen, hat die Krise abgewälzt auf die Allgemeinheit, hat wieder Oberwasser, bestimmt den Diskurs, hat ihre Begriffsungetüme und Paradigmen wie Grassamen in den Wind gestreut, und die keimen überall, subkutan, nicht nur in den Gesellschaften, sondern in jedem und jeder Einzelnen.

Oder haben Sie vor 2008 schon mal was von ABS gehört? Nein, kein Antiblockiersystem, im Gegenteil, ganz im Gegenteil, asset backed securities. Von subprime? Ein Begriff, der übrigens einer dieser Euphemismen ist, die vermuten lassen, dass sie mit perfider Freude erfunden wurden, denn subprimesuggeriert ja, dass es beinahe prime ist, prima, fast optimal, nur gerade ein wenig drunter? Doch heutzutage können Sie vermutlich noch im Schlaf CDOausbuchstabieren, collateralized dept obligation, was nebenbei auch schon so nach Kollateralschadenklingt, und das ist gut so, denn die Verpflichtungen aus der Bedienung von Obligationen der Anleger und Anlagekonzerne wie etwa BlackRock, ja, das hört sichwiederum an wie eine fossile Black-Metal-Formation, die sich aus den 1980ern herübergerettet hat, wurden schließlich tatsächlich collateralized, nach allen Seiten hin verteilt, vergemeinschaftet durch die Haftungsübernahme der Ausstände unfailbarer, dochdurchaus fehlbarer Bankinstitute durch ganze Staaten.

Überhaupt könnte man den Eindruck gewinnen, dass nicht nur Regierungen und das zahlende Publikum, sondern auch die in den Finanzarchitekturen Agierenden selbst zunehmend verwirrt und fassungslos vor den Resultaten des Handels mit den eigenen Erfindungen stehen – allerdings nicht so fassungslos, dass sie auf die Gewinnausschüttungen zu eigenen Gunsten vergäßen. Fassungslos aber jedenfalls darüber, dass sie die Idee der Vorherrschaft ihrer von Realwirtschaften zunehmend entkoppelten Finanzwirtschaftsarchitektur über die demokratischlegitimierte Politik – und die ist der Wall, durch den man sich fressen muss, um ins Neoliberalenparadies zu gelangen, der ist aber zum Glück schon ziemlich löchrig und hat längst damit begonnen, in sich zusammenzusacken – der politischen Kaste so einfach aufs Auge drücken konnten, und ein bisschen zauberlehrlingshaft ratlos angesichtsihrer Machtfülle. Macht aber nichts, denn aufgefangen wird der neue Souverän vom angeblichen alten, der aber zunehmend weniger dran glaubt, es noch zu sein, das ist das einzig Blöde, und dann auf die Idee kommt, blöd zu wählen. Wenn überhaupt.

Dabei ist Finanzarchitektur transparent, das sieht man ja, und die Glashaut rund um die Stützkonstruktion sicherlich speziell gehärtet, denn: Wie schnell bricht das. Und sollten die im Glashaus Sitzenden und ihrer Erwerbstätigkeit Nachgehenden auch in anderer Hinsicht irgendwie halt doch zur Transparenz genötigt werden, dann macht das auch nichts, weil man die Begriffe, die man sich und den anderen um die Ohren wirft, kaum selbst versteht. Transparenz kann man aber auch gut verkaufen: Die Datenoffenlegung, die prinzipiell immer nur vom Chor der Kleinanleger verlangt wird, niemals von den eigenen offshore-Instituten, führt zu einer attraktiven Anlageform in Form von Datenauszügen, deren Wert nicht zu unterschätzen ist. Gefragt ist ein Kreditprodukt, das besichert wird durch ein Asset in Form von Optionen auf zukünftige Datenexzerpte, und wiedie exzerpiert werden aus der Fülle der in irgendwelche Clouds eingelesenen und niewieder zu entfernenden Kontobewegungs-, Bewegungs- und sonstigen sogenannten Gesundheitsdaten, darin besteht die wahreKunst, die Finanzkunst in Zeiten der Krise, viva la crisi!, ja, es lebe die Krise, die hält auf Trab und schlank, da kann man ruhig die zukünftig anzusammelnden Daten verkaufen, man hat ja Aussicht auf eine Fülle, ein ganzes Portfolio solcher Zukunftsoptionen. Einbisschen Risiko werden die p.T. Märkte doch noch verkraften, dafür legt man noch einen Risikoaufschlag drauf auf das Produkt, regional und fair, da ist der return on equity auch besser, der Rücklauf der Gerechtigkeit, Rückkauf der Billigkeit oder, anders gesagt, die Rendite auf Eigenkapital, wenn man noch wüsste, was das eigene Kapital ist und was der zur Anhebung des leverage-Levels zugekaufte Fremdanteil, und im Zweifelsfall kann sichder Markt dann bei der einen oder anderen regionalen Kleinregierung schadlos halten, das geht immer.

Das überzeugt die Regierung dann sicher auch ganz handfest davon, dass die Annahme, sie könnte irgendwas Bedeutungsvolles zu entscheiden haben, eine Kinderkrankheit ist, die es nun im Zuge der nun wirklich überfälligen Reformen zügig abzulegen gilt, denn was von Bedeutung ist, bestimmen immer noch die Entscheidungsträger, und die sitzen woanders und nicht in Brüssel, die leben allezeit verschränkt und nichtlokal in den Dachzimmern der Glastürme rund um die Erde, in einem über die Erdoberfläche verschmierten Geldwellenzustand.

Reformen ist auch so ein Begriff, dessen Inhalt sich entzieht, je beharrlicher man versucht, seiner habhaft zu werden. Seit ich mich erinnern kann, höre ich, dass die richtigen zukunftsweisenden entscheidenden Reformen jetzt! entschieden angegangen werden müssten. Und so wie es aussieht, wurden sie angegangen, so weit entsprach die Absichtserklärung den Tatsachen: Die Politik hat sich zunehmenderfolgreich selbst wegreformiert oder in ein Aus manövriert, ein Niemandsland, aus dem sie nicht mehr herauskommt, und wenn, dann höchstens für neoautoritäre Gestikulationen gegenüber der staunenden Bevölkerung, damit die das auch glaubt, dass sie regiert wird, und die das gar nicht so ungern ansieht. Ist wieder ziemlich angesagt, das Autoritäre. Denn wenn so ein Populismuspoltergeist auf denTisch haut, hat es wenigstens den Anschein, die angeblich Regierten bekämen etwas für ihr Steuergeld, denn das ist das Zentrale, dass man was kriegt fürs Geld, dann sieht es so aus, als könne Politik nochetwas in die Hand nehmen.

Etwas, von dem ich allerdings den Verdacht hege, dass seine Ausmaße unabsehbar sind, ganz besonders für die vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden Heraufbeschwörer selbst, und hier sind diesmal so gut wie keine Frauen mitgemeint, es sind nun einmal Männer, die ihre so unglaublich virile Maskulinität auch noch auf dem Silbertablett vor sich hertragen zu müssen glauben, um die Wiederkehr archaisch anmutender Protzbilder auch wirklich sicherzustellen.

Und jetzt ist es doch passiert. Der Wortschwall als formal zwingende Antwort auf die Zumutungen des Begriffsmülls, der so vernebelungstaktisch klugüber die Bildschirme gespült wird, ist mir jetzt leider ganz epigonal passiert. Und mir ist zum Glück nicht allzu spät Elfriede Jelinek passiert, ich erinnere es so, dass es die Diffamierungskampagne einer bekannten Tageszeitung war, die mich auf ihre Fährte brachte.

Geschlecht macht Kapital, Sozialisation macht Kapital, Hautfarbe macht Kapital, der korrekte Einsatz der Differenzierungszeichen macht Kapital, Kapitalmacht Macht, Macht macht Sprache, und deshalb braucht man ein Reservoir anWirtschaftsweisen und leer stehende Glasturmstockwerke, in die man die Finanzelite einfüllen kann, sonst steht sie in Davos herum oder in anderen Bilderbuchberglandschaften und verkauft ihre Sprachzertifikate zu Schleuderpreisen, egal, dieses Reservoir ist unerschöpflich und die Haftung mehr als bloß beschränkt. ■

Geboren 1968 in Wien. Studierte Physik.Lebt in Graz. Romane: „Kollateralschaden“, jüngst „Ich in Gelb“ (Jung und Jung). Ihr Beitrag basiert auf der Rede, die sie dieseWoche zur Eröffnung des Symposions „KAPITAL MACHT GESCHLECHT. Künstlerische Auseinandersetzungen mit Ökonomie & Gender“ an der Universität Wien hielt (Forschungsplattform Elfriede Jelinek).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2015)